VON HERMANN CRÜWELL (HEIDELBERG)
Dieser Beitrag erscheint als Teil des Themenschwerpunkts „A view from elsewhere“.
Wer in Oxford Philosophie im Grundstudium studiert, wird selten Fachwissenschaftler. Studierende, die Philosophie als Teil ihres Bachelors studiert haben, wechseln in den öffentlichen Dienst, das Bankwesen, die Rechtspraxis oder andere Felder. Das ist kein Defizit, sondern Programm. Im Zentrum steht nicht der Erwerb eines philosophischen Wissenskorpus, sondern die Einübung einer Praxis: des selbstständigen, logischen Denkens, der kritischen Reflexion von Grundannahmen sowie des Entwickelns und Verteidigens von Argumenten. Dieses Grundverständnis prägt das Philosophiestudium im Tutoriensystem, und die Tätigkeit als Philosophietutor hat meinen Blick auf Lehre nachhaltig verändert.
Philosophie als Praxis: ein antikes Ideal
Die Idee, dass Philosophie etwas ist, das man tut und nicht bloß lernt, ist natürlich keine Oxforder Erfindung. Sie ist so alt wie die Philosophie selbst. Was Sokrates von seinen Gesprächspartnern verlangte, war nicht die Wiedergabe fremder Lehrmeinungen, sondern das Durchdenken der eigenen Position, die Bereitschaft, Prämissen zu überprüfen, Widersprüche auszuhalten und das eigene Denken zu revidieren. Das Oxforder Tutoriensystem lässt sich als eine institutionalisierte Form dieses sokratischen Grundgedankens verstehen: nicht Transmission von Wissen, sondern gemeinsames Erarbeiten (vgl. hierzu auch den Beitrag von Julia Borcherding). Als Tutor bin ich Geburtshelfer, die Studierenden sind diejenigen, die die eigentliche Denk- und Argumentationsarbeit leisten müssen.
Entsprechend spielen bei den Aufnahmeinterviews fürs Philosophiestudium weniger Vorkenntnisse als vielmehr mentale Flexibilität und kritische Reflexionsfähigkeit eine zentrale Rolle: die Fähigkeit, stipulierte Grundannahmen zu akzeptieren und konsequent mit ihnen zu arbeiten, Schlüsse zu ziehen und das eigene Denken auf dieser Grundlage zu korrigieren. Das System setzt also von Anfang an auf eine bestimmte intellektuelle Haltung und fördert sie dann systematisch.
Das Tutoriensystem: Format und Logik
Ein Set von Tutorien (etwa zu Platons Politeia, zur frühgriechischen Philosophie oder zur stoischen Ethik) umfasst in der Regel acht Sitzungen, verteilt über die acht Wochen eines Trimesters. Jede Woche bereiten die Studierenden ein Essay von 2.000-2.500 Wörtern vor, das eine klar definierte philosophische Frage beantworten soll. Dazu arbeiten sie sich durch eine Auswahl von Pflichttexten und weiterführender Literatur, entwickeln eine These und stützen diese durch ein strukturiertes Argument. Die Einleitung motiviert die Frage in aller Kürze, stellt die These auf und skizziert den Gedankengang; der Hauptteil entfaltet das Argument konsequent; der Schluss unterstreicht, wie das Gesagte die These trägt. Woche für Woche, Tutorium für Tutorium. Wer auf diese Weise acht Essays pro Tutorienset schreibt und bespricht, lernt sehr schnell, worauf es bei der Strukturierung eines philosophischen Arguments ankommt. Durch die stete kritische Auseinandersetzung mit dem Tutorienthema wird der Stoff zudem aktiver erschlossen als durch überwiegend passive Lektüre.
In der Sitzung selbst (die in der Regel nur eine, manchmal zwei oder drei Studierende umfasst) präsentieren die Studierenden ihr Essay und ihr Argument. Als Tutor habe ich die Arbeit zuvor gelesen und kommentiert. Das Gespräch geht also nicht bei null los, sondern nimmt das von den Studierenden selbst erarbeitete Verständnis als Ausgangspunkt. Wo ein Argument schwach ist, wird es nicht einfach korrigiert, sondern hinterfragt: Wie kommen Sie zu dieser Prämisse? Was folgt daraus? Können Sie das verteidigen? Durch die immer neue Formulierung von schriftlichen und mündlichen Argumenten wird das Philosophiestudium zu einer Apprenticeship: Die Studierenden sind Lehrlinge, die das Handwerk des philosophischen Denkens einüben, indem sie es praktizieren.
Damit dieses Einüben gelingt, muss das Gespräch allerdings erst einmal in Gang kommen—und gerade hier zeigt sich, dass ein gutes Tutorium vor allem eines sein sollte: es muss fun und engaging sein. Es beginnt oft schlicht mit der Bitte, das eigene Argument noch einmal in eigenen Worten vorzutragen, und entwickelt sich von dort je nach Person und Thema weiter—denn unterschiedliche Menschen packt man auf unterschiedlichen Wegen. Fallen dir Beispiele oder Gegenbeispiele ein? Was genau meinst du, wenn du x sagst? Was würdest du jemandem entgegnen, den deine Position nicht überzeugt? Deckt sich das, was du Platon zuschreibst, mit deiner eigenen Intuition—findest du es plausibel, oder eigentlich nicht ziemlich seltsam? Gibt es trotzdem etwas, was wir der Position abgewinnen können? Lass uns dazu noch einmal in den Primärtext schauen: Würdest du nach der erneuten Lektüre die Position immer noch so darstellen? Wie würdest du Platons Formentheorie heute Abend deinen Freunden im Pub erklären? Solche Fragen wollen keine fertige Antwort abrufen, sondern Neugier wecken und das Denken beweglich halten. Im Durchspielen mitunter absurder Stipulationen und Gedankenexperimente wird das Denken zu einem Abenteuer. Dass die kritische Auseinandersetzung mit einer Position Freude bereiten kann, ist elementarer Teil dessen, was die Studierenden im Tutorium einüben.
Eine institutionelle Eigenheit des Systems: Als Tutor bin ich nicht der Prüfer meiner Studierenden (vgl. hierzu den Beitrag von Hannah Altehenger). Ich bereite die Studierenden auf eine Prüfung vor, die unabhängig von mir zentral konzipiert und bewertet wird. Dadurch entsteht eine Atmosphäre echter Zusammenarbeit: Tutoren und Studierende erarbeiten sich gemeinsam das Thema und das nötige Handwerkszeug, ohne dass die Bewertungssituation das Gespräch belastet. Der Redeanteil der Studierenden ist dabei strukturell hoch. Das eigene Essay ist Grundlage, auf welche die Sitzung aufbaut.
Vergleich und Reflexion
Ich lehre heute in Heidelberg Pro- und Hauptseminare mit zehn bis dreißig Studierenden. Die Möglichkeiten, Studierende zur eigenständigen Mitarbeit zu motivieren, sind auch im deutschen Seminar vielfältig, und das deutsche System hat zweifellos seine eigenen definitiven Stärken: die Freiheit, kontinuierlich spannende neue Lehrveranstaltungen zu konzipieren und durchzuführen, die thematische Tiefe oder auch den offenen Diskussionsraum der Seminargruppe. Gleichzeitig ist es in diesem Rahmen schlicht unmöglich, so direkt und individuell auf jede einzelne Person einzugehen oder im gleichen Maße auf Grundlage des je eigenen Verständnisses ein Gespräch zu entwickeln und dabei individuell argumentative Kompetenzen zu fördern. Den Luxus, den der enge Betreuungsschlüssel und das konkrete Format des Oxforder Tutoriums ausmachen, vermisse ich nicht nur aus nostalgischen Gründen, sondern weil das Bewusstsein mitschwingt, dass ich für die einzelnen Studierenden schlicht nicht dasselbe tun kann. Und fast zwangsläufig rutsche ich, wenn ich mit einer größeren Gruppe einen Text erarbeite, leichter in die Transmission von Fachinhalten als in das gemeinsame, selbstständige Erarbeiten.
Die Oxforder Lehrmethode lässt sich natürlich im deutschen System nicht eins zu eins umsetzen—insbesondere der enge Betreuungsschlüssel ist uns schlichtweg nicht vergönnt. Die Frage, die mich stattdessen in meinen Lehrkontexten in Deutschland begleitet, ist daher: Wie können wir unter den hier herrschenden Bedingungen das Ideal der Apprenticeship, der Einübung einer Praxis des Denkens und Argumentierens, realisieren? Wie lässt sich die Gesprächsführung so gestalten, dass sie ihren Ausgangspunkt bei der Position der Studierenden nimmt und diese gemeinsam fruchtbar weiterentwickelt? Wenn ich Philosophieren als Handwerk verstehe, welche Prüfungsformen tragen dann zu einer höherfrequenten und direkteren Feedback-Kultur bei, in welcher die Studierenden ihr thematisches Verständnis, vor allem aber ihre Argumentationsfähigkeit verbessern können? Was die Antwort auf diese Fragen angeht, bin ich—ganz im Sinne der sokratischen Philosophie—weiter auf der Suche. Ich hoffe, der Blick auf diesen anderen Lernkontext und die für die hiesige Lehrpraxis resultierenden Fragen kann auch für andere den produktiven Suchprozess anzuregen helfen, in dem ich mich nach wie vor befinde.
Zur Person
Dr. Hermann S. Crüwell ist Walter Benjamin-Postdoktorand am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg. Er forscht zur antiken Philosophie, insbesondere zu Platons Seelenlehre. Zuvor war er Lecturer in Ancient Philosophy am St. Benet’s Hall der Universität Oxford sowie Ernst Mach Visiting Scholar an der Universität Wien.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
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