Die Kieler Studierendenkonferenzen Philosophie

VON DAVID LAUER (KIEL)

Die Kieler Studierendenkonferenzen Philosophie sind ein Veranstaltungsformat, das mehrere philosophische Lehrveranstaltungen eines Semesters unter einem Oberthema bündelt und in einer gemeinsamen, von Studierenden organisierten und inhaltlich getragenen Fachkonferenz zusammenführt. Solche Konferenzen haben am Philosophischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität Kiel in den Jahren 2019 und 2023 stattgefunden. Die Planungen für die nächste Ausgabe im kommenden Jahr haben begonnen. Die Konferenzen haben sich als ein Format bewährt, das motivierte Kolleg:innen in einem gemeinsamen Lehrprojekt zusammenführt und voneinander lernen lässt, während es den beteiligten Studierenden eine für ihre gesamte Studienbiographie prägende und gemeinschaftsstiftende Studienerfahrung ermöglicht.

Grundlage des Formats ist die Veranstaltungsform des Kolloquiumsseminars, die in diesem Blog bereits vorgestellt wurde. Kurz zusammengefasst lautet die Grundidee, studentische Prüfungsarbeiten (wie Referate, Hausarbeiten und Essays) als genuines Element der gemeinsamen Seminararbeit anzusehen. Statt Hausarbeiten nach dem Ende der Vorlesungszeit monologisch im stillen Kämmerlein zu schreiben und durch anonymen Einwurf in irgendeinen Briefkasten gegen eine im Studierendenaccount erscheinende Note einzutauschen, präsentieren die Studierenden sich gegenseitig ihre Arbeitsergebnisse in Form von papers und Vorträgen. Die Aussicht, mit dem eigenen Namen als Autor:in vor realen Anderen für den eigenen Text einstehen und Verantwortung für dessen Richtigkeit übernehmen zu müssen, motiviert die Studierenden, so zu schreiben, dass sie auf das Geschriebene stolz sein können.

Zu diesem Zweck wird die Seminararbeit in zwei Abschnitte aufgeteilt. Im ersten Abschnitt (A) werden im Seminar einige Wochen lang wie gewohnt Texte gelesen und besprochen. Diese Phase endet nach zwei Dritteln der Vorlesungszeit. Danach sind die Studierenden aufgefordert, bis zum Ende der Vorlesungszeit ein individuelles Studien- bzw. Hausarbeitsprojekt zu entwickeln, das sie während der vorlesungsfreien Zeit – von den Lehrenden betreut – ausarbeiten. Am Ende der vorlesungsfreien Zeit findet der zweite Abschnitt (B) des Seminars statt, zu dem alle Seminarteilnehmer:innen erneut zusammenkommen, um sich im Rahmen der Studierendenkonferenz gegenseitig ihre Arbeitsergebnisse vorzutragen und zu diskutieren. Auf diese Weise werden die Hausarbeiten der Studierenden selbst zum Gegenstand der Seminararbeit.

Die Kieler Studierendenkonferenzen Philosophie bauen auf diesem Konzept auf, indem nicht ein, sondern vier (oder mehr) Kolloquiumsseminare dieser Art in einem Semester parallel stattfinden. Die Seminare gehen von zwei oder drei gemeinsamen Texten aus. Danach widmen sie sich auf je eigenen Pfaden jeweils einem besonderen Aspekt des gemeinsamen Oberthemas, unter dem die abschließende Studierendenkonferenz steht, zu der sich alle Studierenden der beteiligten Seminare erneut zusammenfinden. Die Einladung von ein oder mehreren keynote speakers als Gäste der Konferenz unterstreicht den wissenschaftlichen Anspruch der Veranstaltung und signalisiert den Studierenden, dass ihre Gedanken und Ergebnisse ernst genommen und gewürdigt werden.

Eine Besonderheit des Kieler Masterstudiengangs Philosophie ist das Modul „Einblicke in die Forschung und Studienprojekt“, das es Studierenden erlaubt, statt einer schriftlichen Arbeit ein Praxisprojekt als Prüfungsleistung durchzuführen. Dieses Modul wurde in die Konzeption der Studierendenkonferenzen integriert, indem die Planung, Vorbereitung und Durchführung der Konferenz selbst als praktische Prüfungsleistung in die Hände von Studierenden gelegt wurde.

Im Jahr 2019 fand die erste Kieler Studierendenkonferenz zum Thema der „Davoser Disputation“ statt, jenem legendären öffentlichen Streitgespräch zwischen Ernst Cassirer und Martin Heidegger im Jahre 1929, dem unter anderen der junge Rudolf Carnap, Emmanuel Lévinas und andere bedeutende philosophische Gestalten des 20. Jahrhunderts beiwohnten. Vier Seminare (je eines unter der Leitung von Ole Kliemann, David Lauer, Nikolai Mähl und Moritz Riemann) widmeten sich den vier Philosophen Cassirer, Heidegger, Carnap und Lévinas. Bei der Konzeption half Thomas Meyer (LMU), der versierteste Kenner der Disputation im deutschsprachigen Raum und damals als Vertretungsprofessor am Kieler Seminar zu Gast. Er hielt – neben Jörn Müller (Wuppertal) – auch eine der beiden keynotes bei der studentischen Konferenz, die im Juli 2019 im Literaturhaus Schleswig-Holstein in Kiel stattfand. Das Kieler Philosophische Seminar finanzierte Anreise und Übernachtung der keynote speakers.

2023 diente das Buch The Quartet von Clare Mac Cumhaill und Rachael Wiseman als Ausgangspunkt der nächsten Konferenz. Das Buch erzählt die miteinander verflochtenen Lebens- und Denkgeschichten von Elizabeth Anscombe, Philippa Foot, Mary Midgley und Iris Murdoch, die sich als Philosophiestudentinnen im Oxford der 1940er Jahre treffen und zu lebenslangen Freundinnen werden. Vier Seminare unter der Leitung von Heike Behnke, David Lauer, Julia Müller und Moritz Riemann widmeten sich je einer der vier Philosophinnen. Die Zahl der beteiligten und vortragenden Studierenden wuchs erheblich. Die Organisation der Abschlusskonferenz Reviving the Quartet. Wie vier Frauen die Philosophie veränderten im September 2023 wurde einem Quartett aus vier erfahrenen Masterstudierenden – Kübra Avanas, Soian Grap, Nina Riethmüller und Markus Rohloff – anvertraut. Auch hier war der Professionalisierungssprung enorm: Von der Einrichtung des Tagungsorts über die Buchungen der Unterkünfte, das Catering, die Konferenztechnik, das durchgehend besetzte Tagungsbüro, die Sitzungsleitung, die Finanzbuchführung, das Design für Flyer und Plakat, die Kuratierung des Programms und die Koordination der Hilfskräfte lag die gesamte technische Durchführung der Konferenz in den Händen des student quartet. Vier keynote speakers wurden zur Konferenz eingeladen: Janine Borcherding (München), Eva-Maria Düringer (Tübingen), Richard Runge (Kiel) und Rachael Wiseman (Liverpool) selbst. Möglich wurde dies durch großzügige finanzielle Unterstützung des Projekts durch den Lehrinnovationsfonds und den Internationalisierungsfonds der CAU Kiel.

Zwei weitere Komponenten der Quartet-Konferenz von 2023 ergaben sich durch glückliche Fügung. Zunächst lud Rachael Wiseman die Kieler Studierenden ein, bereits im Juni 2023 an einer internationalen, von ihr und Clare Mac Cumhaill in Durham (UK) organisierten Konferenz zu Anscombe, Foot, Midgley und Murdoch teilzunehmen und das Kieler Lehrprojekt dort im Rahmen der Postersession mit einem eigenen Poster vorzustellen. Durch die finanzielle Unterstützung des Exkursionsfonds der CAU und des Philosophischen Seminars konnten ein Dutzend Studierende sowie die Seminarleiter:innen Heike Behnke und Moritz Riemann die Reise nach Durham antreten und in die Atmosphäre einer internationalen Forschungstagung eintauchen. Außerdem wurde durch die Vermittlung von Arian Leopold, Alumnus der Kieler Philosophie und Mitarbeiter am Institut für Psychologie der CAU, das BMBF-geförderte Göttinger Verbundprojekt Bildersturm – Frauen in der Philosophie sichtbar machen und neue Vorbilder etablieren auf das Kieler Lehrprojekt aufmerksam. Mehrere begleitende Befragungen der studentischen Teilnehmer:innen flossen in die empirische Arbeit des Verbundprojektes ein; erste Zwischenergebnisse wurden bereits bei der Studierendenkonferenz in Kiel präsentiert.

Im kommenden Jahr wird es die dritte Ausgabe der Kieler Studierendenkonferenzen Philosophie geben. Den Anlass bietet diesmal das 100-jährige Jubiläum der Publikation von Martin Heideggers Sein und Zeit im Jahr 1927. Thema des Projekts ist jedoch ausdrücklich nicht Heidegger, sondern der erstaunliche Kreis von Schüler:innen, der sich in den Jahren seiner ersten außerordentlichen Professur in Marburg von 1923 bis 1927 um den noch kaum durch Schriften hervorgetretenen Mittdreißiger versammelt hatte. Zu ihm gehörten u.a. Günther Anders, Hannah Arendt, Hans-Georg Gadamer, Hans Jonas, Karl Löwith und Leo Strauss, neben Kollegen wie Rudolf Bultmann und Paul Tillich. Die Denkbegegnungen und -bewegungen dieses Kreises, die in ihm gepflegten langjährigen Freundschaften, gedanklichen Verbindungen zu- und Abgrenzungen voneinander werden das Thema der Kieler Studierendenkonferenz Marburg 1927 sein. Die Zahl der koordinierten Seminare wird sich auf sechs erhöhen: Gregor Große-Bölting, Theresa Humburg, Ginger Kokorin, Julia Müller, David Lauer und Moritz Riemann leiten Seminare zu Anders, Arendt, Jonas, Löwith, Strauß und Tillich. Als wichtigste Kooperationspartnerin konnte Íngrid Vendrell Ferran gewonnen werden, Spezialistin für frühe Phänomenologie und Professorin am Institut für Philosophie der Philipps-Universität Marburg. Ein Vortrag von ihr bei der Kieler Konferenz sowie eine Exkursion der Kieler Studierenden nach Marburg, die Teilnahme an dortigen Veranstaltungen und Diskussionen mit Marburger Studierenden sind geplant.

Die Durchführung eines solchen Projekts bringt für die beteiligten Lehrenden offensichtlich einen erhöhten Lehraufwand mit sich, der vor allem durch die zu leistende individuelle Betreuung der Prüfungsarbeiten entsteht. Selbst wenn die Organisation der Konferenz in die Hände von Studierenden gelegt werden kann, brauchen auch diese Hilfe und Anleitung in Form von (mindestens monatlich stattfindenden) Planungstreffen. Dennoch ist das Ergebnis den Aufwand wert und soll hier für andere Philosophie-Institute zur Nachahmung und Weiterentwicklung ausdrücklich empfohlen sein. Die bisherigen Kieler Studierendenkonferenzen hatten messbaren Einfluss auf die Wirkung des Philosophischen Seminars in die Universität hinein sowie auf die Weiterentwicklung der Lehrkultur des Seminars. Die Mitwirkung an den Konferenzen wurde für signifikante Teile der beteiligten Studienkohorte und die begleitenden Lehrenden zu einer verbindenden kollektiven Erfahrung, die noch Jahre später zu spüren war. Die studentischen Evaluationen der eingebundenen Seminare dokumentieren dies deutlich. „Ich hatte das Gefühl, dass da Personen sind, die sich wirklich für meine Gedanken interessieren […] – das war eine Empfindung, die ich so im bisherigen Studium noch nie hatte“, schreibt eine Person, während andere die „gegenseitige Unterstützung auf allen Ebenen“, die gewonnene „Motivation für das restliche Studium“ und die „offene Atmosphäre, die den Austausch beförderte und die Angst vor dem Gespräch mit Fachwissenschaftlern nahm“ hervorheben. Das Projekt habe gezeigt, „wie viel Spaß die akademische Arbeit machen kann und welcher großartige Mehrwert im beruflichen als auch privaten Sinne darin steckt bzw. stecken kann“.


Literatur

Friedman, M.: Carnap, Cassirer, Heidegger: Geteilte Wege. Frankfurt/Main: Fischer 2004

Gordon, P.E.: Continental Divide. Heidegger, Cassirer, Davos. Cambridge/Mass., London: Harvard UP 2010.

Mac Cumhaill, C. / Wiseman, R.: The Quartet. Wie vier Frauen die Philosophie zurück ins Leben brachten. (Engl.: Metaphysical Animals. How Four Women Brought Philosophy Back to Life.) München: Beck 2022.

Leopold, A. et al.: Cold Philosophers: Female Students‘ Perceived Lack of Fit in Stereotypes Is Associated With Underrepresentation. Journal of Community & Applied Social Psychology, 35(1), 2025, https://doi.org/10.1002/casp.70036.


Zur Person

David Lauer, promoviert und habilitiert an der Freien Universität Berlin, lehrt Philosophie als Privatdozent und unbefristeter wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Aufgabenschwerpunkt Lehre an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Sein Arbeitsgebiet ist die Theoretische Philosophie mit den Themenschwerpunkten Sprache, Verstehen, Intentionalität, Selbstbewusstsein und Sozialität des Geistes. Regelmäßig schreibt er philosophische Beiträge für Zeitschriften und die Sendung „Sein und Streit“ auf Deutschlandfunk Kultur. Er ist Mitbegründer und Redaktionsmitglied bei LehrGut.org.


Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.


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