Vom Klammern am Strohhalm. Schreiben als philosophische Praxis in der Hochschullehre

VON GINGER KOKORIN (KIEL)

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts „Künstliche Intelligenz in der philosophischen Hochschullehre“.

Dass die Lockung, es werde schon genügen, den akademischen Stil von einer KI kopieren zu lassen, auch bei Philosophiestudierenden verfängt, ist besonders tragisch. Diese Entwicklung könnte allerdings auch mit Tendenzen innerhalb unseres Fachs zu tun zu haben: Dass Schreiben selbst philosophische Praxis ist, scheint mir mehr und mehr aus dem Blick geraten zu sein.

„Die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache und Denken zählt zu den zentralen und viel diskutierten Fragestellungen der Philosophie. Bereits seit der Antike haben Denker verschiedener Traditionen und Epochen unterschiedliche Positionen zu diesem Thema vertreten, was die anhaltende Relevanz und Komplexität dieser Problematik eindrucksvoll unterstreicht.“ Die nächste Hausarbeit vom Korrekturenstapel fliegt in die Ecke; natürlich nur sinnbildlich, wobei ich den körperlichen Impuls nur mühsam unterdrücke. Die generischen Formeln hängen mir zum Hals raus. Betrugsversuch hin oder her, der Grund meiner Frustration liegt anderswo. Was, wenn wir Lehrenden der akademischen Philosophie für diese Entwicklung mitverantwortlich sind? Aktuell braucht es, so scheint mir, eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit der Frage, was philosophisches Schreiben ist, was es nicht ist, und vor allem: was es nicht sein will. Die Antwort wird – je nach zugrundeliegendem Philosophieverständnis – unterschiedlich ausfallen; mal graduell, mal grundsätzlich.

Wolfram Eilenberger hatte sich bereits 2018 in der ZEIT bissig über die Lebensferne und Langweiligkeit der Erzeugnisse des philosophischen Mittelbaus ausgelassen. Ganz unrecht hat er damit ja nicht, auch wenn er Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse des prekären Mittelbaus ausblendet. Gelernt haben wir daraus trotzdem wenig: Wissenschaft fordert Reproduzierbarkeit, also fordern wir Reproduktionen von den Studierenden, und bisweilen reproduzieren wir ja selbst: der zementierte Aufbau von Hausarbeiten, Papern, Anträgen, der immer gleiche akademische Stil; bloß nicht vom Standard abweichen, lieber auf die sichere Bank setzen. Solche Texte zu lesen, macht weder den Studierenden noch den Lehrenden Spaß. Solche Texte zu schreiben aber noch weniger. Zwar verfügen von Menschen geschriebene Texte, im Unterschied zu von KI erstellten, wenigstens der Absicht nach über Sinn. Limitiert ist der Sinn aufgrund der Eigenlogik dieser spezifischen Hausarbeits-Textform meines Erachtens aber dennoch. Denn Form, Inhalt und Denken hängen zusammen.

Mit Hanspeter Ortners Unterscheidung zwischen Wissen wiedergebendem und Wissen schaffendem Schreiben wird das Dilemma in Bezug auf die Erwartungshaltung den Studierenden gegenüber sichtbar. Wissen wiedergebendes Schreiben erzeugt zwar Ergebnisse, mit denen einerseits überprüft werden kann, wie es um den Wissensstand bestellt ist, und andererseits, wie gut Wissen im konventionellen Rahmen reproduziert werden kann. Der Akt des Schreibens hat jedoch keine epistemische Funktion, weil er dem bereits Gewussten – überspitzt gesagt – nichts hinzufügt (vgl. Ortner 2000:19). Die Erwartung, Schreiben könne allein durch Lesen und Imitation erlernt werden, halte ich auch deshalb gerade in unserem Fach für falsch. Das wiedergebende Schreiben ist illokutiv. Es hat eine Absicht, die beispielsweise darin besteht zu zeigen, dass man etwas weiß, mitunter zu zeigen, dass man weiß, wie man schreiben muss, um bestanden haben zu können.

Das Wissen schaffende Schreiben hingegen ist eine „Handlung um der Handlung willen“, und als Denken „mit Schreibwerkzeugen“ propositional (Ortner 2000:4): Es will etwas über die Welt wissen, Wissen dort schaffen, wo noch nicht (in für das Subjekt angemessener Weise) gewusst wird. Jedes Schreiben bewegt sich letztlich zwischen beiden Schreibarten. Philosophisches Schreiben gehört offensichtlich jedoch eher zur zweiten Kategorie . Am Ende steht zwar auch hier ein Text, der gewöhnlich eine Absicht hat; wesentlich ist aber die epistemische Funktion des Schreibens für das schreibende Subjekt. Mit Prüfungen im Sinne einer Wissensstandsabfrage treffen wir also zugleich die Entscheidung zum Wissen wiedergebenden Schreiben. Wir wollen sehen, was gelernt und verstanden ist, nicht, wie sich der Weg dorthin gestaltet hat, und schon gar nicht, welche Nebenpfade genommen wurden und was sich in den Studierenden verändert hat.

Dass der Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Schreiben im Hochschulalltag nicht gegeben ist, liegt nicht am grundsätzlichen Unwillen der Lehrenden.[1] Denn auch hierfür gibt es strukturelle Gründe. Wie ausführlich kann die Auseinandersetzung mit Texten Studierender sein, wenn die Teilnehmer:innenmenge die Kapazitäten der Lehrenden maßlos übersteigt? Zumindest kleinere gemeinsame Schreibeinheiten haben sich dennoch zu einem festen Bestandteil meiner Lehre entwickelt. So nutze ich einzelne Seminarsitzungen für die Einübung ins Denken mit Schreibwerkzeugen. Hierbei geht es nicht um die Klärung, sondern das Entstehenlassen von Fragen, kurz: ums Denken selbst.

Diese Schreibeinheiten sind in vielerlei Hinsicht ein Gewinn: Zum einen erlangt man Einblick in die Fragen, Perspektiven und Zugänge der Studierenden – auch derer, die sich mündlich nicht oder wenig beteiligen. Zum anderen entstehen hierbei erste Ideen für Hausarbeiten. So entfallen zumindest einige Sprechstundentermine zum Dauerbrenner: „Ich weiß nicht, worüber ich schreiben soll, können Sie mir ein Thema geben?“ Weil die Texte nicht (primär) dafür gedacht sind, korrigiert zu werden, und ihre Länge überschaubar ist, hält sich auch der Aufwand in Grenzen. Ein nicht zu unterschätzender Nebeneffekt liegt übrigens im Fundus von Schreibproben: Man hat – im Fall der Fälle – etwas zum Abgleich in der Hand.

Zuletzt stand das Schreiben aber auch systematisch und didaktisch im Mittelpunkt. Das Ziel lag darin, (philosophisches) Schreiben als das zu erfahren und zu verstehen, was es ist: philosophische Praxis. Im Rahmen eines Blockseminars ging es darum, den Zusammenhang zwischen Denken und Schreiben zu reflektieren, um bei den Studierenden ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig das eigene Schreiben für das Philosophieren ist. Neben der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven auf den Zusammenhang von Sprache, Denken, Form und Rhetorik stand die Vielfalt philosophischer Textformen auf dem Programm – sowohl theoretisch als auch praktisch.

Die Einübung ins Schreiben in einem geschützten, weil nicht benoteten Rahmen diente nicht der „Zurichtung“ auf die Anforderungen des Philosophiestudiums. Statt den Studierenden kleinschrittig den Aufbau einer Hausarbeit, das Erstellen von Literaturverzeichnissen, Zitierregeln oder Ähnlichem beizubringen – dieser Werkzeugkasten ist ohne Frage nötig und wichtig –, ging es mir um ein grundsätzlicheres Verstehen dessen, was es bedeutet, in Sprache – und worin eben sonst? – zu philosophieren. Denn im schriftlichen Ringen um den Ausdruck richtet sich die Aufmerksamkeit in anderer Weise auf die Bedeutung von Sprache als in der Mündlichkeit.

Nicht der fertige Text war hierbei von Interesse, sondern der Vollzug des Schreibens in seinen unterschiedlichen Dimensionen. Diese Dimensionen umfassen unter anderem den Zusammenhang von Denken und Schreiben bzw. Gedanken und Ausdruck, die Situativität und Prozessualität des Schreibens und das Spannungsverhältnis von unterschiedlichen Textformen einerseits und eigenem Stil und Ausdruck andererseits. Nachdem eine Auswahl an unterschiedlichen Textformen auf ihre Merkmale hin untersucht wurde, hatten die Studierenden die Aufgabe, sich ausgehend von der Seminarlektüre mit dem Zusammenhang von Sprache, Denken und Schreiben in einer von ihnen gewählten Textform auseinanderzusetzen. So konnte beispielsweise ein Brief entstehen, der sich unterschiedlichen Dimensionen von Heideggers Metapher der Sprache als „Haus des Seins“ widmet, oder ein Manifest, das im Anschluss an Hélène Cixous weibliches Schreiben als revolutionären Akt empfiehlt. Beim Erfahrungsaustausch im Plenum oder in Gruppen stand weniger das Gelingende als das Widerständige im Zentrum: Wieso gelingt es mir nicht, mich in dieser spezifischen Form auszudrücken? Was unterscheidet das Schreiben eines Essays vom Schreiben eines Briefs? Was fordert der Aphorismus, was fordert ein ausgearbeiteter Vortrag? Gerade in der praktischen Auseinandersetzung mit den Eigenlogiken unterschiedlicher Textformen wurden diese zugleich als Grenzen und Möglichkeitsräume für Gedanke und Ausdruck erfahrbar und zum Gegenstand der Reflexion.[2]

In regelmäßigen Feedbackphasen wurden die Studierenden mit den Texten anderer konfrontiert. Das Redigieren der Texte untereinander erfordert eine – mal implizite, mal explizite – Auseinandersetzung mit dem eigenen Standpunkt, um von diesem ausgehend Veränderungsvorschläge begründet zu adressieren, was nicht nur Lehramtsstudierende etwas angeht. „Warum würde ich es anders formulieren?“ ist dabei nicht immer einfach zu beantworten. Im besten Fall argumentiert man regel- und sprachkonventionenkonform – „Bezug ist unklar, Begriff ist unscharf, Bild ist schief, umgangssprachlich“. Manchmal aber kann man nur entgegnen: „weil mein Sprachgefühl es sagt.“ Auf dieses Moment kommt es mir unter anderem an: dort, wo man auf sich zurückgeworfen ist, auf seinen eigenen Stil, auf sein eigenes Sprach- und Textgefühl und auf die Wechselwirkung mit spezifischen Formen. Es bleibt ein Rest, der sich entzieht, und diesen Rest gilt es zunächst einmal als unvermeidbar anzuerkennen.

Die praktische Auseinandersetzung mit der Vielfalt philosophischen Schreibens hatte in meinen Seminaren einen erheblichen Einfluss auf den rezipierenden Umgang mit der Seminarlektüre. „Ich lese jetzt anders“, war das Credo der Studierenden. Formen, Stil, Ausdruck und Adressat:innen wurden nicht mehr nur als zu vernachlässigendes Beiwerk verstanden, sondern als eminenter Bestandteil des Textes wahrgenommen. Die Frage nach dem „Wie“ wurde produktiv in den Verstehensprozess integriert. Die Einsicht, dass sich auch Autor:innen kanonischer Texte mit denselben Grenzen und Möglichkeitsräumen herumgeplagt, mit dem leeren Blatt Papier oder dem rhythmisch blinkenden, zur Aktion drängenden Cursor im Dokument gekämpft haben, veränderte den Umgang mit Werken. Die aus der Ehrfurcht vor dem Werk resultierende Zurückhaltung wich einer kritischeren und mutigeren Haltung. Es schien, als würden die Werke auf andere Weise ernstgenommen als bisher – irgendwie inhaltlicher. Philosophieren besteht nicht nur aus Lesen und Diskutieren. Den Vollzug des Schreibens mitsamt den vielfältigen Formen, Stilen und Eigenlogiken aus der philosophischen Praxis und der akademischen Philosophie auszuklammern, ist reduktionistisch. Das gilt auch oder insbesondere für die Lehre. Die Vorschläge, vermehrt auf Prüfungsformate wie Klausuren zurückzugreifen, um Täuschungen zu verhindern, statt Studierenden Raum für Exploration mit und an eigenen Texten zu bieten, halte ich für kontraproduktiv. Denn aus der Tendenz, in der Philosophie ausschließlich auf Wissen reproduzierende Formate zu setzen, folgt nichts anderes, als die Philosophie der Maschine am Ende zum Fraß vorzuwerfen.


[1] Wie die Einübung ins Schreiben gefördert werden kann, zeigt Almut von Wedelstaedt hier. Anja Berninger beschreibt hier, wie eine kanonische Erweiterung, experimentellere Textformen und insbesondere metareflexive Texte die Schreibkompetenzen stärken.

[2] Die Prüfungsleistung bestand in einer an einem Fragenkatalog orientierten Metareflexion.


Literatur

Ortner, Hanspeter (2000): Schreiben und Denken. Tübingen: Niemeyer.


Zur Person

Dr. Ginger Isabelle Kokorin, bis Anfang 2026 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen am Lehrstuhl für Anthropologie, Sozial- und Kulturphilosophie. Im Erscheinen: Erotik. Kulturphilosophische Spiegelungen (in der Reihe Undisziplinierte Bücher, de Gruyter 2026).


Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.


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