Vertraut, aber anders: Philosophische Hochschullehre in der Schweiz

VON ANDREAS MÜLLER (BERN, SCHWEIZ)

Dieser Beitrag erscheint als Teil des Themenschwerpunkts „A view from elsewhere“.

Auf den ersten Blick fallen beim Vergleich der philosophischen Hochschullehre in Deutschland und der Schweiz vor allem Gemeinsamkeiten ins Auge. Diese machen den Wechsel aus dem einen in das andere System für Lehrende relativ leicht. Das war auch meine Erfahrung, als ich nach Stationen mit Lehrtätigkeit an deutschen Hochschulen in Berlin, Münster und Osnabrück 2017 eine Professur an der Universität Bern antrat, wo ich seitdem Lehrveranstaltungen vor allem in den verschiedenen Teilbereichen der praktischen Philosophie anbiete. 

Auch die Sprache ist hier kein Hindernis. Zwar stellt das Schweizerdeutsche und insbesondere das lokale Bärndütsch Neuankömmlinge durchaus vor Herausforderungen, etwa im Supermarkt oder auf der Berghütte. Die Unterrichtssprache an den Universitäten ist jedoch Hochdeutsch (was die Studierenden bereits aus der Schule kennen). Dies gilt natürlich nur für die Deutschschweiz, in der Romandie wird auf Französisch und im Tessin auf Italienisch gelehrt. Zudem bieten Universitäten in allen Sprachregionen der Schweiz auch Lehrveranstaltungen und zum Teil ganze Masterstudiengänge auf Englisch an (wir in Bern etwa den Master in Political, Legal and Economic Philosophy). Unabhängig von der Unterrichtssprache ist darüber hinaus von Beginn an die Lektüre auch englischsprachiger Texte üblich. 

Wie in Deutschland ist das Studium in der Schweiz infolge des Bologna-Prozesses in ein dreijähriges Bachelor- und ein zweijähriges Masterprogramm gegliedert. Philosophie wird dabei zumeist als Major oder Minor in Kombination mit einem, manchmal auch zwei weiteren Fächern studiert. Da auch in der Schweiz in ECTS-Punkten gerechnet wird, sind die Systeme weitgehend kompatibel, ein Ortswechsel etwa zwischen Bachelor und Master ist recht problemlos möglich. 

Große Ähnlichkeiten gibt es auch bei den Lehrformaten. Es gibt Vorlesungen, die manchmal von studentisch geleiteten Tutorien begleitet und in der Regel mit Klausuren abgeschlossen werden, Seminare, in denen vorab gelesene Texte in wöchentlichen Sitzungen gemeinsam diskutiert werden und in denen Leistungsnachweise zumeist durch das Schreiben von Hausarbeiten erworben werden können, sowie Kolloquien, in denen aktuelle Forschungstexte von Institutsangehörigen oder externen Gästen diskutiert werden und in denen oft auch Masterstudierende die Gelegenheit erhalten, ihr Projekt für die Abschlussarbeit vorzustellen. 

Zugang zum Studium

Unterschiede zeigen sich, wenn man genauer anschaut, wer eigentlich in den Lehrveranstaltungen sitzt. Nur etwas mehr als 20 Prozent eines Jahrgangs verlassen ein Schweizer Gymnasium mit der Matura, dem Schweizer Äquivalent zum deutschen Abitur. In Deutschland erwerben dagegen ca. 40 Prozent die Allgemeine Hochschulreife. Dies hat zur Folge, dass die Zusammensetzung der Studierenden jedenfalls im Fach Philosophie (wo andere Qualifikationen wie Berufsmaturität mit Passerelle kaum eine Rolle spielen) in einer Hinsicht weniger heterogen ist als in Deutschland: Die allermeisten haben zuvor vier Jahre an einem Gymnasium verbracht, das deutlich selektiver ist als sein deutsches Gegenstück und eine höhere Ausbildungsqualität für sich in Anspruch nimmt. 

Auf der anderen Seite ist die mit der gymnasialen Matura erworbene Hochschulzugangsberechtigung auch tatsächlich eine solche. Wer sie hat, kann sich an jeder Schweizer Universität für ein Studium der Philosophie einschreiben. Eine Zulassungsbeschränkung durch Numerus Clausus oder Eignungstest gibt es nur für sehr wenige Fächer (v.a. Medizin), die Philosophie gehört nicht dazu. Ein allgemeiner Vergleich des Fähigkeitsprofils, mit dem Studierende in ihr Philosophiestudium starten, ist daher schwer möglich, da es mir insbesondere bei den deutschen Universitäten hier deutliche Unterschiede zwischen den Standorten zu geben scheint, u.a. aufgrund der verschiedenen NCs. Am ehesten lässt sich vielleicht festhalten, dass das Mindestniveau bei Kernkompetenzen wie Lesen, Schreiben und dem Beherrschen der englischen Sprache, das Studierende zum Studienbeginn bereits mitbringen, in der Schweiz höher ist als an manchen deutschen Universitäten. 

Anwesenheit

Ein weiterer Unterschied, der sich auf die Zusammensetzung insbesondere von Seminaren auswirkt, liegt darin, dass regelmäßige Teilnahme ein übliches Erfordernis ist und Anwesenheit erfasst werden kann. Entsprechend gibt es erheblich weniger Fluktuation von Woche zu Woche. Das ist u.a. für das Entstehen einer gruppenspezifischen Diskussionsatmosphäre, das Wiederaufgreifen von Themen und Diskussionspunkten über mehrere Sitzungen hinweg und, in meinen Augen, auch ganz allgemein für den Lernerfolg der Studierenden sehr hilfreich. 

Gewiss hat eine Anwesenheitspflicht auch Nachteile, insbesondere für die Vereinbarkeit des Studiums mit Erwerbsarbeit und der Betreuung von Kindern oder anderen Angehörigen. Dies ist auch für Schweizer Studierende eine Herausforderung, von denen mit rund 75 Prozent eher noch mehr einen Nebenjob haben als jene in Deutschland. Bei der Bewältigung dieser Herausforderung hilft es, wenn das Studienangebot zeitlich hinreichend breit gestreut ist und es durch Ausnahmeregeln und Kompensationsmöglichkeiten genug Flexibilität gibt, um Einzelfällen gerecht werden zu können, wie dies bei uns in Bern der Fall ist. Insofern sehe ich hier einen Vorteil gegenüber den Verhältnissen in Deutschland, wo eine Anwesenheitspflicht vielerorts schlicht nicht zulässig ist. 

Das Notensystem

Wer zuvor in Deutschland studiert oder gelehrt hat, wird von der Notenskala, die an Schweizer Universitäten verwendet wird, überrascht sein. Diese reicht von 1 bis 6, wobei 6 die Bestnote ist und die Bestehensgrenze bei einer 4 liegt. Vor allem aber sind die Noten nur in 0.5-Schritten gestuft. Somit stehen im Bestanden-Bereich deutlich weniger Differenzierungsmöglichkeiten zur Verfügung als im deutschen Notensystem, nämlich nur fünf statt zehn Notenstufen. Hinzu kommt, dass das Prädikat „sehr gut“ hier der zweitbesten Note – der 5.5 – zugeordnet ist, die Entsprechung einer 6.0 ist „ausgezeichnet.“ 

Dies erschwert den Vergleich von Noten und Zeugnissen aus den verschiedenen Systemen. Von Lehrenden, die vom einen System ins andere wechseln, erfordert es außerdem eine Rekalibrierung. Dies gilt insbesondere für die Benotung von Seminararbeiten und ähnlichen Leistungen, deren Note sich nicht einfach aus dem Prozentsatz der erworbenen Punkte errechnen lässt, wie dies bei Klausuren oft der Fall ist. Ich vermisse auch nach fast zehn Jahren Benotungserfahrung in der Schweiz noch die größeren Differenzierungsmöglichkeiten, die das deutsche Notensystem bietet. 

Die Lehramtsausbildung

Besonders erwähnenswert erscheint mir, wie die Ausbildung von Lehrpersonen für das Gymnasium (und andere Maturitätsschulen) in der Schweiz geregelt ist. Wer diesen Beruf anstrebt, absolviert zunächst an der Universität ein reguläres BA- und MA-Studium der relevanten Fächer. Zusätzlich muss dann noch ein Lehrdiplom erworben werden. Dies geschieht im Rahmen eines zweisemestrigen, aber auch in Teilzeit möglichen Studiums, welches im Anschluss an das universitäre Masterstudium oder, in den meisten Kantonen, auch parallel dazu erfolgen kann. In den meisten Kantonen werden diese Lehrdiplomstudiengänge von separaten Pädagogischen Hochschulen angeboten, in einigen jedoch auch von Universitäten.

Welche Vor- und Nachteile diese zeitliche Bündelung der fachdidaktischen und insbesondere der berufspraktischen Ausbildung für die zukünftigen Lehrpersonen und ihre Qualifikation hat, kann ich mangels Erfahrung nicht kompetent einschätzen. Ich sehe aber einen gewichtigen Vorteil darin, dass Studierende die Entscheidung, diesen Berufsweg einzuschlagen, am Ende ihres Studiums (und übrigens auch noch während oder nach einem Doktorat) treffen können. Anders als in Deutschland üblich, müssen sie sich nicht schon vor Studienbeginn zwischen dem fachwissenschaftlichen und dem Lehramtsstudium entscheiden und damit auf einen Ausbildungsweg festlegen, den zu wechseln zwar nicht unmöglich, aber doch in der Regel verhältnismäßig aufwändig ist und als „nicht vorgesehen“ erscheint. 

Diese Möglichkeit wird hier geschätzt. Schon häufiger habe ich mit Studierenden gesprochen, die sich während des Masterstudiums in Richtung Lehramt zu orientieren beginnen – ohne deshalb den Studiengang wechseln oder Leistungen nachholen zu müssen. Wer in Deutschland Lehrer*in werden will, muss sich hingegen meist schon vor dem ersten Semester festlegen oder eine Verzögerung im Studienverlauf hinnehmen.

Dies führt meiner Erfahrung nach insbesondere in Fächern wie der Philosophie, die ansonsten mit keinem klaren Berufsbild assoziiert sind, zu erheblichen Selektionseffekten. Besonders risikoaverse Studierende entscheiden sich eher für die als sicherer wahrgenommene Lehramtsoption. Die Entscheidung für ein fachwissenschaftliches Studium fällt hingegen deutlich leichter, wenn man über ein ökonomisches Sicherheitsnetz verfügt oder ein sehr bildungsnahes Elternhaus einem Berufsperspektiven aufzeigen kann, die auch mit einem Fachstudium zugänglich sind. Die bisweilen unterschiedliche Wahrnehmung der Anspruchsniveaus von fachwissenschaftlichen und Lehramtsstudiengängen dürfte die genannten Effekte zudem noch verstärken.

Im Gegensatz dazu kann man in der Schweiz erstmal einfach Philosophie studieren. Die Entscheidung, ob man anschließend an einer Schule unterrichten oder einen anderen Weg einschlagen möchte, lässt sich auf einen Zeitpunkt verschieben, an dem man das Fach und sich selbst besser kennengelernt hat und auch die eigenen Fähigkeiten und Bedürfnisse besser einschätzen kann. 


Zur Person

Andreas Müller ist Professor für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Ethik an der Universität Bern. Er arbeitet vor allem zu Grundlagenfragen der normativen Theoriebildung, insbesondere im Bereich der Ethik und der praktischen Vernunft. Aktuelle Schwerpunkte liegen auf der Natur der Einwilligung und anderer normativer Fähigkeiten sowie dem Zusammenhang zwischen normativen Gründen und moralischer Falschheit.


Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.


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