VON STEFAN FISCHER (KONSTANZ)
Multiple-Choice-Klausuren sind – auch in der Philosophie – ein geeignetes Mittel zur Abfrage von Wissen und Verständnis. Voraussetzung für ihren sinnvollen Einsatz ist, dass sie gut gemacht sind und dass einige typische Fallstricke vermieden werden. Dieser Beitrag stellt eine aus meiner Sicht sinnvolle Art und Weise vor, eine MC-Klausur für philosophische Seminare oder Vorlesungen zu konzipieren.
MC-Klausuren haben vor allem drei große Vorteile für Dozent:innen. Erstens erlauben sie, in relativ kurzer Zeit Wissen und Verständnis einer relativ großen Menge an Stoff abzufragen; zweitens sind sie sehr schnell korrigiert; drittens fällt die Notengebung verhältnismäßig objektiv aus. Aus Sicht der Studierenden haben MC-Klausuren ebenfalls drei große Vorteile. Erstens müssen sie nicht unter Zeitdruck (handschriftliche) Antworten formulieren und brauchen sich während der Klausur keine Gedanken darüber zu machen, wie detailliert die korrekte Antwort laut Musterlösung wohl sein soll; zweitens können (und müssen) sie sich beim Lernen auf das tatsächliche Verständnis des Stoffes konzentrieren, anstatt Antworten auf erwartete Fragen vorzuformulieren; drittens können sie sicher sein, dass die subjektive Bewertung der Dozent:innen ihre Klausurnote nicht beeinflusst.
MC-Klausuren haben natürlich auch Nachteile. Wer etwa der Ansicht ist, dass angehende Philosoph:innen durchaus in der Lage sein sollten, unter Zeitdruck zu entscheiden, welche philosophischen Details für die Antwort auf eine bestimmte Frage relevant sind und welche nicht, und diese relevanten Details dann sauber, knapp und präzise zu Papier zu bringen, für den werden MC-Klausuren nicht die Prüfungsform der Wahl sein. Aber diese Frage will ich hier nicht diskutieren. Stattdessen geht es mir darum, einige Tipps und Tricks dafür zu nennen, wie die typischen Nachteile und Fallstricke von MC-Klausuren bestmöglichen zu vermeiden sind.
Die größte Gefahr bei der Erstellung einer MC-Klausur besteht darin, die Studierenden künstlich zu verwirren. (Mit „künstlich“ meine ich eine durch die Klausur induzierte Verwirrung, die über das natürliche Maß an studentischer Verwirrung hinausgeht.) Dies kann erstens durch die Struktur der Fragen und der Punktevergabe geschehen: Müssen die Studierenden etwa selbst entscheiden, wie viele der Antwortoptionen überhaupt anzukreuzen sind? Gibt es Minuspunkte für falsch angekreuzte Optionen? Eine zweite Quelle von Verwirrung können die Antworten selbst sein: Sind sie so formuliert, dass einige sich logisch ausschließen – mit dem Ergebnis, dass die Studierenden während der Klausur beginnen, ein „Logik-Spiel“ zu spielen und der eigentliche Inhalt der Lehrveranstaltung und die Kompetenzen, um die es gehen sollte, in den Hintergrund gedrängt werden? Sind die Antworten so ähnlich formuliert, dass sie für die Studierenden alle gleich klingen? Oder, noch schlimmer, sind die Fragen gezielt darauf ausgerichtet, jemanden, der die Dinge gut verstanden hat, aus dem Tritt zu bringen?
Eine weitere Gefahr besteht darin, die Klausur so zu konzipieren, dass sie auch von jemandem bestanden werden kann, der den Stoff überhaupt nicht verstanden und nicht auf die Klausur gelernt hat. In der didaktischen Literatur zu MC-Klausuren gibt es ein fantastisches Beispiel hierzu, von dem ich im Rahmen einer Didaktik-Fortbildung zu MC-Klausuren erfahren habe. (Eine ausführlichere Anleitung zur Erstellung von MC-Klausuren findet sich hier.) Es handelt sich dabei um eine 20-minütige MC-Klausur zu einem hochkomplexen naturwissenschaftlichen Thema, von dem ich und die übrigen Teilnehmer:innen der Fortbildung keine Ahnung hatten. Dennoch haben fast alle von uns die Klausur bestanden. Wie war das möglich? Nun, die Fragen waren einfach so schlecht gestellt, dass ein mittelmäßiges Verständnis von Aussagenlogik in Kombination mit einer gewissen Sensibilität für offensichtlich ausgedachte Humbug-Optionen (lange Antworten!) ausreichend dafür war, nahezu alle Fragen korrekt zu beantworten. Nachdem wir unsere Klausuren selbst korrigiert hatten und vollkommen verzückt waren von unserer intellektuellen Glanzleistung, nahte schon die böse Überraschung: Wir waren doch keine verkappten naturwissenschaftlichen Genies – der gesamte Klausurstoff war ausgedachter Humbug. Das Experiment führte uns sehr anschaulich vor Augen, wie viel Arbeit in das Erstellen einer MC-Klausur fließen sollte. So sollte etwa die Wahrscheinlichkeit für das Bestehen Ihrer Klausur für jemanden, der keine Ahnung vom Stoff hat und quasi zufällig seine Kreuzchen setzt, bei unter 5 Prozent liegen – was gewährleistet ist, wenn Sie Ihre Klausur so erstellen, wie im Folgenden beschrieben. Eine erste Faustregel lautet: Planen Sie 45–60 min für die Erstellung einer Klausurfrage ein. Ja, das ist mehr, als Sie vermutlich gedacht hätten. (Es ist nicht leicht, „gute“ falsche Antworten zu formulieren.) Aber diese Zeitinvestition ist durchaus nötig – auch, um die bereits angesprochene Gefahr einer künstlichen Verwirrung möglichst klein zu halten.
Wie also minimieren wir die Gefahr einer künstlichen Verwirrung der Studierenden? Ein erster wichtiger Hinweis: Wählen Sie eine möglichst klare Fragen- und Antwortstruktur, die Sie im Vorfeld mit den Studierenden besprechen. In meinen eigenen MC-Klausuren gibt es lediglich zwei sehr einfach strukturierte Fragetypen: A+ und Kprim. A+ bedeutet: eine Frage mit fünf Antwortoptionen, von denen genau eine korrekt ist; 1 Punkt für die korrekte Antwort; 0 Punkte für eine falsche Antwort; es darf nur ein Kreuz gesetzt werden. Hier ein Beispiel aus meiner Einführungsvorlesung zur normativen Ethik:
Was ist die zentrale Frage aller normativ-ethischen Theorien?
(Eine korrekte Antwort)
A. Wie ist unser moralisches Denken entstanden?
B. Auf welche moralischen Normen würden sich rationale Akteur:innen einigen?
C. Welche Eigenschaften einer Handlung bestimmen ihren moralischen Status?
D. Unter welchen Bedingungen wird eine moralische Norm zu einer Rechtsnorm?
E. Kann es eine überzeugende Moralkonzeption geben, in der Gott keine Rolle spielt?
Der zweite Fragetyp, den ich verwende, ist Kprim. (Zur Erläuterung weiterer Fragetypen, siehe hier.) Die Studierenden bekommen vier verschiedene Aussagen vorgelegt und müssen für jede Aussage ankreuzen, ob diese Aussage wahr oder falsch ist. Hierbei ist nicht vorgegeben, wie viele wahre oder falsche Aussagen die Aufgabe enthält. Die Punktzahl ergibt sich aus der Anzahl der korrekt gesetzten Kreuze. Hier ein weiteres Beispiel aus meiner Einführungsvorlesung:
Im Folgenden finden Sie vier Aussagen zu konsequentialistischen Moraltheorien.
Geben Sie für jede Aussage an, ob sie wahr oder falsch ist.
(Bewertung: 1 Punkt = 4 korrekte Beurteilungen; 0,5 Punkte = 3 korrekte Beurteilungen; < 3 korrekte Beurteilungen = 0 Punkte)
A. Ob eine Handlung moralisch falsch ist, bestimmt sich alleine aus der Qualität ihrer Folgen.
B. Der Konsequentialismus bietet verschiedene Möglichkeiten, „das Gute“ zu definieren.
C. Im Konsequentialismus kann es mehrere verschiedene Dinge geben, die intrinsisch gut sind.
D. Man könnte eine konsistente konsequentialistische Moraltheorie entwickeln, wonach es, zumindest manchmal, moralisch richtig ist, jemanden aus Spaß zu töten.
Dieser Fragentyp ist besonders gut geeignet, um philosophisches Verständnis abzufragen. Er ist auch gut dafür geeignet, die Studierenden dazu zu bringen, ihr philosophisches Verständnis auf ihre eigene Lebenswelt anzuwenden, wie etwa im folgenden Beispiel aus der Klausur zu John Stuart Mills On Liberty:
Im Folgenden finden Sie vier Gesetzesvorschläge. Geben Sie für jeden Vorschlag an, ob Mill bei einer Volksabstimmung mit „Ja“ für den Vorschlag oder mit „Nein“ gegen den Vorschlag stimmen würde.
(Bewertung: 1 Punkt = 4 korrekte Beurteilungen; 0,5 Punkte = 3 korrekte Beurteilungen; < 3 korrekte Beurteilungen = 0 Punkte)
A. Es sollte gesetzlich verboten sein, die Shoah, also den Völkermord an Jüdinnen und Juden während des Nationalsozialismus, öffentlich zu leugnen.
B. Der Staat muss sicherstellen, dass alle Kinder die Chance auf Bildung haben. Zu diesem Zweck darf er notfalls Zwang ausüben.
C. Sklavenhaltung ist stets moralisch falsch – auch wenn nachgewiesen werden kann, dass ein Sklave sich freiwillig für die Sklaverei entschieden hat.
D. Alle Lehrerinnen und Lehrer und alle Professorinnen und Professoren dürfen nicht mehr vom Staat angestellt werden.
Für eine 90-minütige Prüfung sollte die Klausur aus 15–20 Fragen bestehen. Beachten Sie, dass die A+-Fragen für die Studierenden weniger anstrengend sind als die Kprim-Fragen. Ich steige darum normalerweise jeweils mit einer oder zwei A+-Fragen pro Themenblock ein und gehe dann zu den Kprim-Fragen über. Meistens erstelle ich insgesamt etwas mehr A+ als Kprim-Fragen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die inhaltliche Schwerpunktsetzung der Klausur. Sie sollte immer der Schwerpunktsetzung der Lehrveranstaltung entsprechen – was Sie im Vorfeld gegenüber den Studierenden auch transparent machen sollten. Das verhindert, dass die Studierenden „an der Klausur vorbei“ pauken und deshalb im Nachhinein enttäuscht oder frustriert sind. Wenn Sie etwa in Ihrer Veranstaltung zu Kants Grundlegung intensiv über die Funktionsweise des kategorischen Imperativs diskutiert haben, könnten Sie durchaus folgende Frage stellen, die zunächst einmal etwas verwirrend erscheint:
Welche der folgenden Ideen beschreibt die Grundidee des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant am besten?
(Eine korrekte Antwort, 1 Punkt)
A. Handle so, wie du willst, dass andere handeln.
B. Handle so, dass alle so handeln könnten wie du.
C. Handle so, wie die anderen wollen, dass du handelst.
D. Handle so, dass du andere glücklich machst.
E. Handle so, dass dein Handeln den Regeln der Gemeinschaft entspricht.
Haben Sie dagegen die Funktionsweise des kategorischen Imperativs in Ihrer Veranstaltung nicht ausgiebig thematisiert, könnten die Studierenden aufgrund allzu ähnlicher Formulierungen in den Antwortoptionen das Gefühl haben, absichtlich in die Irre geführt zu werden. Achten Sie also stets darauf, dass die Schwerpunktsetzung und der Detailgrad der Klausur all jene, die gewissenhaft an der Veranstaltung teilgenommen haben, nicht überrascht. Meine Empfehlung wäre, auch dies bereits ganz zu Beginn der Veranstaltung genau so anzukündigen – dadurch steigt die Motivation für Mitschriebe und regelmäßige Teilnahme an den Seminardiskussionen spürbar. (Ich habe in den vergangenen Jahren immer wieder Studierende gehabt, die, ohne an der Veranstaltung teilgenommen zu haben, die Klausur „einmal versuchen“. Sie sind bislang ausnahmslos durchgefallen.)
Zuletzt noch eine Sache, die häufig ein wenig untergeht, mir aber wichtig erscheint: Meine Klausuren fragen, streng genommen, nicht das Thema der Lehrveranstaltung ab (also etwa: Mills On Liberty), sondern das, was ich hinsichtlich des Stoffes in meiner Lehrveranstaltung vermittelt habe (inklusive unserer Diskussionsergebnisse). Das sollte den Studierenden explizit erklärt werden, damit sie wissen, worin der „objektive“ Standard für die Punktevergabe besteht.
Kurz und knapp
Meine Empfehlungen lassen sich am Ende auf wenige Punkte verdichten: Setzen Sie auf eine einfache, transparente Fragenstruktur mit A+ und Kprim und planen Sie für die Klausur insgesamt etwa 15–20 Fragen ein. Unterschätzen Sie den Aufwand bei der Erstellung nicht: Für eine gute Frage braucht es, gerade zu Beginn, oft 45 bis 60 Minuten. Besonders wichtig ist es, falsche Antwortoptionen so zu formulieren, dass sie inhaltlich hinreichend plausibel scheinen, ohne die Studierenden unnötig zu verwirren. Und schließlich sollte die Klausur in ihrer inhaltlichen Schwerpunktsetzung und in ihrem Detailgrad genau an das anschließen, was in der Veranstaltung erarbeitet wurde. Korrigiert ist eine Klausur dann in unter fünf Minuten.
Literatur
Krebs, René (2004): Anleitung zur Herstellung von MC-Fragen und MC-Prüfungen für die ärztliche Ausbildung. Bern: Universität Bern, Institut für Medizinische Lehre (IML), Abteilung für Assessment und Evaluation (AAE).
Zur Person
Stefan Fischer (Homepage) ist Philosoph und arbeitet schwerpunktmäßig in der Metaethik, der normativen Ethik und der philosophischen Anthropologie. Er war unter anderem an den Universitäten Konstanz und Trier tätig; im Sommersemester 2026 ist er Lehrbeauftragter an der Universität Salzburg. Sein Habilitationsverfahren wird voraussichtlich im Sommer 2026 abgeschlossen sein.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
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