FRANCESCA BUNKENBORG (GÖTTINGEN)
Dieser Beitrag erscheint als Teil des Themenschwerpunkts „A view from elsewhere“.
Zwar bin ich im Allgemeinen der Meinung, dass wir uns, nicht nur in der Lehre, sondern auch in Forschung und Fachkultur, tendenziell eher zu viel als zu wenig an US-amerikanischen Vorbildern orientieren. Nichtsdestotrotz habe ich mir schon häufiger in Tagträumen ausgemalt, das deutsche Veranstaltungsformen-Korsett aus Vorlesung, Seminar und der gelegentlichen Übung wäre nicht ganz so eng geschnürt und würde Raum lassen für etwas, das den 400-level, upper undergraduate-Kursen an US-Universitäten vergleichbar ist.
Was diese Veranstaltungsform auszeichnet, ist meiner Erfahrung nach die Mischung aus Vorlesungs- und Seminarelementen. Wie der Name schon sagt, richten sich diese Kurse zwar primär an fortgeschrittene Bachelorstudierende, ihr Besuch wird aber durchaus auch den neuen Ph.D.-Studierenden im ersten Jahr der Kursphase empfohlen (was in etwa dem hiesigen ersten Master-Jahr entsprechen würde), als Ergänzung zu den weiter spezialisierten und weiter fortgeschrittenen graduate seminars.
Nun sei vorweg gesagt, dass mein zweisemestriger Studienaufenthalt an der University of Michigan in Ann Arbor schon eine ganze Weile her ist (ich habe Trumps erste Wahl zum Präsidenten vor Ort miterlebt) und es eben ein Studien-, kein Lehr- oder Forschungsaufenthalt war. Will sagen: Meine Erfahrungen dort stammen aus (Ph.D.-) Studierenden-Blickwinkel, nicht aus der Lehrenden-Perspektive. Dennoch habe ich mir gerade als Lehrende in den vergangenen Jahren häufiger gewünscht, auch in meinem Lehrkontext stünde ein derartiges Lehrformat zur Verfügung.
In den upper undergraduate-Kursen, so wie ich sie erlebt habe, entspricht die Teilnehmendenzahl mit etwa 25 Studierenden eher der eines Seminars, und es gibt einen Semesterlektüreplan, in dem einzelne Texte spezifischen Sitzungen zugeordnet sind und zu diesen gelesen und vorbereitet werden müssen. Die einzelnen Sitzungen bestehen aber zum Hauptteil – ich würde schätzen, mindestens 80% – aus einem Vortrag der Lehrperson, unterstützt durch Tafelanschriebe, Folien oder Handouts. Zwischendurch besteht immer wieder Gelegenheit für Verständnisfragen, außerdem haben die Dozierenden in den Kursen dieses Formats, die ich besucht habe, auch immer wieder von sich aus teils solche Fragen gestellt, die den Nachvollzug des behandelten Stoffes sicherstellen sollten, teils aber auch offenere Diskussionsfragen formuliert, die dann für einen kurzen Zeitraum für Austausch unter den Studierenden sorgten.
Es sind besonders zwei Merkmale dieses Veranstaltungstyps – zumindest in der Form, wie ich ihn erlebt habe –, aufgrund derer ich ihn mir schon häufiger auch für den deutschen Kontext gewünscht habe. Zum einen sind diese Kurse, auch wenn sie in weiten Teilen Vorlesungscharakter haben, gerade keine Einführungskurse. Es erwartet einen eben nicht das hierzulande vertraute Format einer Einführungsvorlesung, die den ganz großen Bogen über Praktische oder Theoretische Philosophie spannen soll. Was man erhält, ist vielmehr eine vertiefte Einführung in einen spezifischeren Themenbereich (da die Kurse zumindest in meinem Fall zweimal wöchentlich für je 80 Minuten stattfanden, stand auch schlicht mehr Seminarzeit zur Verfügung). Für mich besonders prägend war zum Beispiel ein solcher Kurs zur Metaethik, den ich bei Peter Railton besucht habe. Das zweite und aus meiner Sicht vielleicht noch entscheidendere Merkmal ist, dass der Vortrag der Lehrperson sich stets sehr genau auf die zu der jeweiligen Sitzung zu lesenden Texte bezieht, dabei spezifische Stellen bespricht, und oft eine Art angeleitete Interpretation des Textausschnitts bietet – und zwar im Kontext der Hintergrundinformationen und erläuternden Kommentare, die bereits im Vortrag gegeben wurden. Mir hat das damals sehr geholfen, diese Texte zu erschließen und sie insbesondere auch in ihrem jeweiligen Debattenkontext zu verstehen.
Ich möchte weder Seminare noch Vorlesungen als Lehrform ersetzen. Und dass die upper-level undergraduate-Kurse in meiner Erfahrung so gut als vertiefte, textnahe Einführung in bestimmte Themenbereiche funktioniert haben, hat bestimmt auch mit den Prüfungsformen zu tun: Über midterms und finals wurde Wissen abgefragt – zwar nicht als reines multiple choice, sondern in Form kurzer auszuformulierender Antworten von einigen Sätzen oder gar von Kurzessays, aber man musste eben trotzdem konkrete Inhalte dafür lernen (z.B.: Was zeichnet die präskriptivistische Spielart des Nonkognitivismus aus? Inwiefern gehen sensibility theories über einen simplen Subjektivismus hinaus?). Und schließlich spielen vermutlich auch so (vermeintlich) banale Dinge, wie die Anwesenheitspflicht und, dass die Mitarbeit minimal in die Note eingeht, eine Rolle. Trotzdem: Hier wird eine Form der Textarbeit ermöglicht, die ich im mir vertrauten deutschen Katalog der Lehrformate nicht bedient sehe. Wir haben zwar Lektüreseminare, aber diese beschränken sich i.d.R. auf ein Werk und gehen dabei charakteristischerweise sehr kleinschrittig vor. In meiner Erfahrung wird hier zudem der Fokus auf das Verständnis des Textes aus dem Text selbst heraus gelegt, und weniger darauf, ihn in seinem Debattenkontext und in seiner Rolle für die weitere Entwicklung einer bestimmten Teildisziplin zu verstehen. Umgekehrt bieten Vorlesungen zwar einen Überblick, aber eben oftmals nur den sehr großen, nicht den etwas weiter reingezoomten, und insbesondere ohne enge Textarbeit.
Viele von uns stellen in der Lehre immer wieder fest, dass auch Studierenden in höheren Semestern und selbst im Master Grundlagenkenntnisse fehlen. Zu einem gewissen Grad ist das unvermeidbar, und wir sollten uns außerdem davor hüten, der Philosophie mehr sogenannten „gesicherten Forschungsstand“ anzudichten, als sie ihrer Natur nach haben kann. Dass Studierende bereits im Bachelorstudium eine große Freiheit in der Wahl ihrer Studieninhalte haben und dadurch auch vermeintliche Nischenthemen oder wenig beachtete Traditionen kennenlernen können, dass sie sich im eigenen philosophischen Nachdenken und Diskutieren an vermeintlich oder tatsächlich barocken Themen ausprobieren können – das alles ist ein hohes Gut, und zwar intrinsisch, nicht bloß instrumentell. Ich möchte mich hier also keinesfalls für eine weitere Verschulung des Studiums aussprechen. Dennoch geht es in meiner Erfahrung vielen derjenigen, die – zumindest in jüngerer Vergangenheit – im deutschen Hochschulsystem Philosophie studiert haben, rückblickend so (mich selbst eingeschlossen), dass sie insgesamt gern etwas mehr Veranstaltungen gehabt hätten, deren primäres Anliegen es ist, Wissen über bestimmte philosophische Teilbereiche oder Traditionen zu vermitteln (dies gilt gerade auch für Lehramtsstudierende in Vorbereitung auf den Unterricht). Idealerweise passiert das dann in einer Form, die zudem noch praktisch vorführt, wie Texterschließung und Interpretation funktionieren können, und die das begriffliche Rüstzeug an die Hand gibt, um sich selbst im Eigenstudium weiteren Texten des jeweiligen Debattenkontexts zu widmen. Genau diese Lücke könnte eine Veranstaltung nach dem Vorbild der 400-level undergraduate-Kurse schließen.
Nun sind Änderungen in den Grundformaten der Lehre bekanntlich schwer durchzusetzen und daher wohl wenig realistisch. Davon abgesehen sind die Rahmenbedingungen an deutschen Universitäten in vielerlei Hinsicht anders als im US-amerikanischen Kontext; es wäre also vermutlich auch gar nicht wünschenswert, solch eine Veranstaltungsform eins zu eins zu kopieren, selbst wenn der Modulkatalog das hergeben würde. Ein bisschen mehr als ein Tagtraum ist hier aber vielleicht dennoch zu finden. Warum nicht vertiefende Vorlesungen mal mit detaillierter Textarbeit konzipieren? Oder umgekehrt bestimmte Seminare so planen, dass sie besonders viel erläuternde Episoden seitens der Lehrperson enthalten? Die Balance zu finden zwischen Erklärung und Vermittlung einerseits und Ermöglichung freier Diskussion andererseits ist ohnehin eine hohe Kunst. Vielleicht lohnt es sich, versuchshalber einmal zumindest in einigen ausgewählten Veranstaltungen von vornherein mehr Erklärungsanteile anhand konkreter Textarbeit einzuplanen.
Zur Person
Francesca Bunkenborg ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Göttingen. Sie arbeitet in der Praktischen Philosophie und wurde an der HU Berlin mit einer Arbeit zu moralischer Gewissheit promoviert. Vor allem interessiert sie sich für Metaethik und normative Ethik sowie für die Geschichte der Ethik, aber auch für normative Fragen zu Ethik und Geschichte, wie etwa die nach dem Umgang mit historischen Denkmälern.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
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