VON ANNIKA VON LÜPKE (KARLSRUHE), MICHAELA REHM (BIELEFELD), SIBYLLE SCHMIDT (BOCHUM) UND KATHARINA SCHULZ (GÖTTINGEN)
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts „Diversität in der philosophischen Lehre”.
Das Verbundprojekt Bildersturm stellt drei Handreichungen für Lehre und Forschung vor
Warum sind Frauen in der akademischen Philosophie noch immer unterrepräsentiert – und was können Lehrende dagegen tun? Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Verbundprojekt Bildersturm hat drei praxisorientierte Handreichungen entwickelt, die Wege zu mehr Gleichstellung, Vielfalt und dem Abbau von Vorurteilen in Schule und Hochschule aufzeigen.
Wer passt ins Bild? Über Sichtbarkeit und Zugehörigkeit
Muss man ein Mann sein, um in der Philosophie Großes zu leisten? Kaum jemand würde diese Frage heute noch bejahen. Und doch vermittelt das Bild von Philosophie, das in Schule und Universität vorherrscht, oft genau diese Botschaft: Zum einen durch einen Kanon, in dem Texte von Philosophinnen nach wie vor die Ausnahme sind, zum anderen durch eine Fachkultur, die stark von Haltungen und Fähigkeiten geprägt ist, die kulturell männlich konnotiert sind.
Wie aktuelle psychologische Studien zeigen, fühlen sich Mädchen und Frauen dem Fach Philosophie seltener zugehörig. Bereits Schülerinnen empfinden ihre Fähigkeiten als weniger passend zum Fach, Studentinnen zweifeln häufiger daran, ob das Studium oder gar eine akademische Laufbahn ,das Richtige‘ für sie ist. Der Rückgang des Frauenanteils entlang der akademischen Karriereleiter – die bekannte Leaky Pipeline – zeigt, wie dringend Veränderungen nötig sind. Im Rahmen des Verbundprojekts Bildersturm sind drei praxisnahe Handreichungen mit Impulsen zur Veränderung exkludierender Strukturen in Forschung, Lehre und Unterricht entstanden. Ein zentraler Ansatzpunkt hierfür ist der philosophische Kanon, und die dem Kanon gewidmete Handreichung soll im Mittelpunkt unseres kurzen Beitrags stehen.
Warum braucht es einen diversen Kanon?
Der etablierte Kanon besteht fast ausschließlich aus männlichen Denkern westlicher Traditionen. Das ist nicht nur in der philosophischen Forschung und Lehre an den Universitäten der Fall, sondern auch im Schulunterricht. So ergab beispielsweise eine systematische Untersuchung von Lehrplänen und Schulbüchern für den Philosophieunterricht, dass die darin vorkommenden Philosoph:innen zu über 90% männlich und zu fast 100% westlich sind. Diese Zahlen sind wichtig, denn der Kanon beeinflusst nicht nur das Bild davon, wer als Philosoph:in gelten kann, sondern verfestigt auch die bereits erwähnten Ausschlussmechanismen in der akademischen Laufbahn.
Die Handreichung Philosophie vielfältig denken: Wege zu einem diverseren Kanon ist eine Antwort auf diese Zahlen. Sie richtet sich an Personen, die an philosophischer Forschung, Lehre und Schulunterricht beteiligt sind und die durch ihre Auswahlentscheidungen zur Festigung oder Veränderung des Kanons beitragen. Um einen diversen Kanon zu erreichen, ist eine Vielzahl an Entscheidungen zum Einbezug von bislang nicht im Kanon repräsentierten Philosoph:innen sowie eine Veränderung fachlicher Strukturen notwendig.
Die Handreichung soll dabei unterstützen, diese Entscheidungen gut informiert zu treffen. Sie stellt sechs praxiserprobte Strategien vor, mit denen sich Lehre und Forschung diverser gestalten lassen. Neben der ,klassischen‘ Erweiterung des gängigen Kanons um Beiträge von Mitgliedern marginalisierter Gruppen gehört dazu beispielsweise das Pairing, bei dem kanonische Texte mit Texten weniger bekannter Denker:innen kombiniert werden (etwa René Descartes und Elisabeth von Böhmen). Liegt der Fokus auf Konstellationen und Verflechtungen, kann deutlich werden, dass Philosophie in einem sozialen Kontext entsteht. Dieser Zugang zeigt Beziehungsgeflechte zwischen Philosoph:innen, Ideen und Kontexten auf, beispielsweise, indem Archivmaterialien wie Briefe, Rezensionen, Werkfragmente und gegebenenfalls auch mündliche Überlieferungen einbezogen werden.
Die sechs vorgestellten Strategien haben je eigene Stärken und Schwächen. Diese werden in der Handreichung ebenso benannt wie methodenübergreifende Fallstricke: Fehlende Intersektionalität und fehlende institutionelle Verankerung beispielsweise schmälern die Erfolgsaussichten von Diversitätsbemühungen.
Handreichungen zu Genderstereotypen und normativen Fragen zur Frauenförderung
Neben der Handreichung zum Kanon sind zwei weitere Handreichungen erarbeitet worden, die zum einen die Veränderung problematischer Genderstereotype und zum anderen normative Fragen zur Förderung von Frauen zum Thema haben. Die Handreichung Genderstereotype in der Philosophie: Erkenntnisse für Schule und Hochschule fasst drei empirische Studien des Kieler Projekts SOPH:IE zusammen, die zeigen, wie tief Genderstereotype in der Philosophie verankert sind und was Lehrende dagegen tun können. Die Studien zeigen, dass diese Wahrnehmung kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem ist, das schon im Schulunterricht beginnt. Zudem wird eine empirisch erprobte, niedrigschwellige Intervention für die Hochschullehre vorgestellt, die das Gefühl der Zugehörigkeit stärken kann.
In der Handreichung Frauen in der Philosophie fördern: Ist das eigentlich gerecht? werden typische Einwände diskutiert, die sich auf Maßnahmen der Gleichstellung wie die Erweiterung der Seminarliteratur um Philosophinnen, eine inklusive Seminaratmosphäre, Mentoringprogramme oder ausgewogene Vortragseinladungen beziehen. Diese Handreichung zeigt Wege auf, die Debatte um mehr Diversität in der Philosophie rational, fundiert und differenziert zu führen.
Das Verbundprojekt Bildersturm, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (2021–2025), hat dazu beigetragen, die Leistungen von Philosophinnen sichtbar zu machen. Dazu wurden in verschiedenen Teilprojekten philosophiehistorische, fachdidaktische, normative und sozialpsychologische Fragestellungen bearbeitet. Neben klassischen wissenschaftlichen Publikationen wurden auch Materialien für die universitäre und schulische Lehre und öffentlichkeitswirksame Formate produziert – etwa ein YouTube-Kanal mit kurzen Erklärvideos von Philosophinnen und ein Podcast zur Geschichte feministischer Kanonkritik.
Alle Ergebnisse, Ressourcen und Handreichungen sind auf der Projektwebsite abrufbar.
Zu den Personen
Annika von Lüpke ist Professorin für Philosophie und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Zuvor war sie als Juniorprofessorin an der Universität Koblenz und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. In der Didaktik arbeitet sie zurzeit vorrangig zu Fragen, die sich im Zusammenhang der Diversifizierung des verengten schulischen Kanons der Philosophie stellen.
Michaela Rehm ist Professorin für Geschichte der Philosophie an der Universität Bielefeld; zuvor war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Georg-August-Universität Göttingen und der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Sibylle Schmidt ist als Wissenschaftskommunikatorin für das Projekt „Bildersturm“ aktiv. Sie ist zudem Lehrbeauftragte für Philosophie an der Bergischen Universität Wuppertal und war zuvor u.a. wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin.
Katharina Schulz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich der Philosophiedidaktik an der Georg-August-Universität in Göttingen. In ihrem Promotionsprojekt untersucht sie den schulischen Philosophiekanon und dessen Diversifizierungsbedarf in den Dimensionen Gender und philosophische Traditionen. Das Projekt ist im Kontext des „Bildersturms“ entstanden.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
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