Ein Bachelor-Philosophie-Studium ohne klassische Hausarbeiten. Ein Bericht aus den USA

VON INSA LAWLER (GREENSBORO, USA)

Dieser Beitrag erscheint als Teil des Themenschwerpunkts „A view from elsewhere“.

Die klassische Hausarbeit ist ein fester Bestandteil eines Bachelor-Philosophie-Studiums in Deutschland. Solche Arbeiten basieren in der Regel auf einem Seminarthema, werden aber üblicherweise in der vorlesungsfreien Zeit angefertigt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Teile meiner vorlesungsfreien Zeiten in der Bibliothek und am Schreibtisch verbracht habe. In den USA ist diese Praxis meines Wissens nach nicht üblich. In diesem Beitrag teile ich meine Erfahrungen aus dem amerikanischen Lehralltag und setze sie in Bezug zu meiner Erfahrung aus dem deutschen Lehralltag.

Seit 2019 bin ich an einer amerikanischen Universität beschäftigt, erst als Assistant Professor (vergleichbar mit einer Junior-Professur in Deutschland) und nun als Associate Professor (vergleichbar mit einer W2-Professur). Zuvor war ich wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität Bochum, der Universität Duisburg-Essen und der Universität Bielefeld. Ich habe an allen drei Universitäten philosophische Seminare unterrichtet.

Im BA-Studium in Deutschland sind Hausarbeiten erste kleine eigenständige Forschungsleistungen. Oft wird das Thema oder zumindest die spezifische Fragestellung selbst erarbeitet. Studierende können sich im Rahmen der Möglichkeiten ihre:n Betreuer:in aussuchen. Die Literaturrecherche ist inspiriert durch die Seminartexte, wird aber auch in der Bibliothek oder im Internet fortgesetzt.

Ich persönlich empfand Hausarbeiten als eine spannende akademische Herausforderung, die mich zu einer wissenschaftlichen Laufbahn inspiriert hat. Ich war allerdings auch gestresst durch die Tatsache, dass meine Modulnote an dieser Hausarbeit hing, da die meisten Seminare –  jenseits der Hausarbeiten oder anderer zusätzlicher Prüfungen – in meinem BA-Studium unbenotet waren. Viele Leistungen, die während des Semesters erbracht wurden, mussten lediglich erbracht werden, ohne benotet zu werden. Klausuren oder mündliche Prüfungen am Ende des Semesters und die Hausarbeiten in den Semesterferien entschieden oft gänzlich, welche Noten in mein Transcript of Record eingetragen wurden.

An meiner amerikanischen Universität (und den anderen amerikanischen Universitäten, die ich kenne) ist der Lehralltag anders. Während deutsche Seminare meist einmal pro Woche gehalten werden, finden amerikanische Lehrveranstaltungen im BA-Studium zwei- bis dreimal die Woche statt. Jeder Kurs wird benotet. Alle Leistungen werden während des Semesters erbracht. Das liegt mitunter daran, dass die vielen BA-Studierenden, die auf dem Campus leben, während der dreimonatigen Sommerpause ausziehen müssen und dann bei ihren Familien oder anderswo leben. In der langen Pause arbeiten viele Studierende oder machen Praktika. Sie können aber auch Sommer-Kurse belegen, die dann vor Beginn des nächsten Semesters enden.

Aufgrund dieser Struktur ist eine klassische Hausarbeit nicht möglich. Es können lediglich Essays (im Umfang von ungefähr 2,000 Wörtern) während des Semesters angefertigt werden. Zu Beginn meiner Zeit in Amerika empfand ich dies als einen großen Nachteil, da ich die Hausarbeit als Prüfungsform schätze. Allerdings hat das amerikanische System auch Vorteile. Einer ist, dass die Note für einen amerikanischen Kurs meiner Erfahrung nach nur selten aufgrund einer einzelnen Prüfungsleistung am Ende des Semesters bestimmt wird. An meiner Universität müssen die Lehrenden in der 6. Semesterwoche Zwischennoten vergeben. Diese beruhen meist auf Zwischenprüfungen oder größeren Studienleistungen. Auch an Universitäten, die solche Zwischennoten nicht haben, finden in der Regel Zwischenprüfungen statt. In meinem Logik-Kurs gibt es zwei Zwischenprüfungen zusätzlich zur finalen Klausur. Darüber hinaus werden auch noch andere Leistungen gefordert und benotet, wie beispielsweise Hausaufgaben, Referate oder Diskussionsbeiträge in Online-Kursen. Für Studierende ist daher ihre Gesamtnote für einen Kurs am Ende des Semesters keine große Überraschung.

Dass Studierende daran gewöhnt sind, benotete Leistungen während des Semesters zu erbringen, nutze ich, um das philosophische Schreiben zu üben. In den Kursen, in denen Essays geschrieben werden, verlange ich zunächst eine grobe inhaltliche Gliederung und gebe dazu eine Rückmeldung. Dann verfassen die Studierenden einen Entwurf. Rückmeldung zu diesem gibt es anonym von zwei Mitstudierenden sowie von mir. Anschließend haben die Studierenden Zeit, die finale Version des Essays zu verfassen. Manche meiner Kolleg:innen haben noch eine weitere Revisionsrunde. Ich benote nur das finale Produkt. Die Gliederung und der Entwurf müssen lediglich den minimalen Vorgaben entsprechen, um die volle Punktzahl zu erhalten.

Der große Vorteil dieser Lehrpraxis ist, dass Studierende Schritt für Schritt lernen, einen Essay zu verfassen und viel Rückmeldung erhalten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie einschüchternd Hausarbeiten am Anfang für mich waren – trotz Handreichungen und guter Betreuung durch die Lehrenden. Eine feste Struktur mit verpflichtenden Zwischenleistungen kann Studierende selbstbewusster machen und Klarheit schaffen. Da die meisten meiner Kolleg:innen ähnliche Leistungen fordern, durchlaufen die Studierenden einen solchen Schreibprozess in vielen Seminaren.

Trotz all dieser Vorteile trauere ich der klassischen Hausarbeit noch hinterher. Ein Essay mit Zeitdruck zu schreiben, während zusätzlich viele weitere Studienleistungen in anderen Kursen verlangt werden, ist eine gänzlich andere Schreiberfahrung, als sich wochen- und mitunter monatelang mit einer Fragestellung schriftlich auseinanderzusetzen zu können. Die Muße fehlt und auch das Gefühl, sich in einem Thema verlieren zu können. (Dies bedeutet natürlich nicht, dass alle Studierenden de facto viel Zeit mit einer Hausarbeit verbringen. Dass sie es aber prinzipiell könnten, bedeutet einen grundsätzlichen Unterschied zu dem Essay-Schreibens während des Semesters.) Ich schreibe meinen Bericht zu Beginn des Zeitalters der künstlichen Intelligenz. Wie auch in Deutschland sind wir Lehrende in den USA fieberhaft am überlegen, wie wir philosophisches Schreiben als Prüfungsform behalten können. Zu viele Studierende versuchen den Schreibprozess vollständig oder zu einem großen Teil an ChatGPT und Co. abzugeben. Manche meiner Kolleg:innen wollen gar keine Essays mehr zu Hause schreiben lassen, sondern nur noch Mini-Essays in Klausurform. Ich habe in meinem letzten Kurs verlangt, dass Studierende ihr komplettes Essay in einem geteilten Dokument erstellen, so dass ich sehen konnte, wie das Essay erstellt wurde. Meiner Einschätzung nach hat diese Vorgehensweise das Schummeln zumindest erschwert und weniger attraktiv gemacht. Ob solche Ansätze dem philosophischen Schreiben allerdings förderlich sind, ob und wie Essays und Hausarbeiten im BA-Studium beibehalten werden können, sind natürlich wichtige Fragen, die im Laufe der nächsten Jahre beantwortet werden müssen und von Beiträgen des Themenschwerpunkts „KI“ adressiert werden.


Zur Person

Dr. Insa Lawler ist Associate Professor of Philosophy an der University of North Carolina at Greensboro. Ihre Forschung beschäftigt sich hauptsächlich mit Fragen an der Schnittstelle von Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie. Sie arbeitet zu Themen wie Verstehen, Fortschritt, Dissens und Idealisierungen. Website: www.insalawler.com


Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.


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