40 Einladungen zu Flurgesprächen über die philosophische Lehre 

ANNE BURKARD (GÖTTINGEN) 

Ein Flur mit 40 Türen – so sollen wir den Band Innovations in Teaching Philosophy betrachten. Dazu lädt uns seine Herausgeberin Brynn F. Welch ein, Philosophieprofessorin an der University of Alabama. Hinter jeder dieser Türen befinde sich eine Person, die darauf brenne, sich mit uns über unsere Lehre auszutauschen. Sie selbst freue sich darauf, uns im Flur über den Weg zu laufen und sich gemeinsam mit uns auszumalen, was es für uns bedeuten könnte, das volle Potenzial philosophischer Lehre zu verwirklichen (Welch 2026, S. 8f.). Dieses Bild der Flurgespräche über die philosophische Lehre passt ausgesprochen gut zum einladenden und inspirierenden Charakter, durch den sich die 40 zumeist kurzen, etwa 4- bis 8-seitigen Beiträge des Bandes auszeichnen. 

Der Band – der zweite zur philosophischen Lehre, den Welch innerhalb von zwei Jahren herausgegeben hat (vgl. Welch 2024) – ist in sechs Teile mit verschiedenen, allerdings nicht klar voneinander abgegrenzten thematischen Schwerpunkten untergliedert. Teil I (Teaching with Purpose, Beiträge 1 bis 6) versammelt Aufsätze, die zumeist grundlegendere Überlegungen zur Planung und Praxis von (philosophischer) Lehre formulieren. Dazu zählt der einführende Beitrag, den Welch neben dem letzten Beitrag des Bandes allen Leser:innen als „essential reading“ empfiehlt: Unter der Überschrift „‘Good Enough‘ Pedagogy“ laden hier Emily Lange, Abram Capone und Claire A. Lockard andere Lehrende dazu ein, sich vom Bild einer idealen Lehre zu verabschieden und stattdessen Lehre anzustreben, die „gut genug“ ist. Ohne eine solche Selbstbeschränkung sei die Gefahr zu groß, aufgerieben zu werden zwischen den unterschiedlichen Anforderungen, mit denen wir als Philosophierende, als Lehrende und nicht zuletzt als Arbeitende, die neben der Arbeit noch ein (weiteres) Leben haben, konfrontiert seien (S. 15). Die Autor:innen geben Beispiele aus ihrer eigenen Lehrpraxis dafür, was dies konkret bedeuten kann: etwa, Studierenden etwas weniger Aufgaben zur Einreichung zu geben, um so Korrekturen zu reduzieren, auch wenn es für die Studierenden besser wäre, mehr Feedback zu erhalten. 

Dass der Band mit diesem Beitrag beginnt und Welch ihn allen Leser:innen ans Herz legt, ist besonders überzeugend, weil so in Verbindung mit all den Inspirationen, die hier geboten werden, zugleich anerkannt wird, dass die Gefahr der Überlastung durch unbegrenzte Optimierungsversuche im Kontext der Lehre groß ist, nicht zuletzt aufgrund befristeter Arbeitsverträge und hoher Deputate. In einigen der Beiträge geht es zwar auch explizit darum, wie sich gute Lehre weniger aufwändig realisieren lässt. Doch wenn man seine bisherige Lehrpraxis verändern möchte, ist dies wohl in den meisten Fällen zumindest zunächst mit erhöhtem Aufwand verbunden. Wie solche Veränderungen aussehen und warum sie den erhöhten Aufwand wert sein können, zeigen die weiteren Beiträge des Bandes. 

In Teil II (Community in the Classroom, Beiträge 7 bis 15) liegt der Schwerpunkt auf Ansätzen dazu, Lehre für mehr Studierende zugänglich zu gestalten – beispielsweise durch die intersektionelle Berücksichtigung unterschiedlicher Ausgangsbedingungen mit Blick auf kulturelle Bezugspunkte, Genderidentität, Neurodiversität oder Behinderung (vgl. insbesondere Beitrag 8 von Anwar Uhuru, Beitrag 14 von Amelia Hicks und JayJay Midridge sowie Beitrag 15 von Quill R. Kukla) oder durch eine Lehrpraxis, die autobiographische Erzählungen einbezieht und zu philosophischen Konzepten in Beziehung setzt (vgl. Beitrag 10 von Carlos Aberto Sánchez). Fragen, mit denen sich vermutlich besonders viele Lehrende in ihrer alltäglichen Seminarpraxis konfrontiert sehen, adressiert Heather Anne Philipps in ihrem Beitrag „The Socratic Method Reclaimed and Reformed“ (13): Wie können Studierende, die sich nicht von selbst mit Wortbeiträgen einbringen, zur aktiven Teilnahme eingeladen werden? Und wie kann es gelingen, dabei weder unangemessen Druck auszuüben noch am Vorurteil festzuhalten, dass diejenigen, die sich nicht meldeten, auch nichts beitragen möchten? Neben konkreten Anregungen dazu, wie „cold calling“ zu einer Einladung transformiert oder wärmer werden kann, formuliert Philipps auch erhellende Reflexionen zur verbreiteten Praxis, diejenigen aufzurufen, die sich am schnellsten melden. Diese Praxis lege ein Idealbild vom guten Philosophieren und von guten Philosophierenden nahe, das explizit wohl wenige Lehrende unterstützen oder vermitteln möchten (S. 115). 

Teil III (Expanding the Teaching Toolkit, Beiträge 16 bis 26) hat Lehrwerkzeuge im engeren und weiteren Sinne zum Gegenstand. Zu ersteren zählen KI-Werkzeuge und digitale Plattformen wie die Annotationssoftware Perusall, deren Einsatz zur Unterstützung und Überprüfung von Leseprozessen K. Linsey Chambers vorstellt (Beitrag 17), sowie die KI-gestützte Lernplattform Packback, deren Einsatzmöglichkeiten insbesondere für größere Lerngruppen und asynchrone Online-Kurse Brynn F. Welch geradezu enthusiastisch schildert (Beitrag 18). 

Dass die explizite Vorstellung und Diskussion digitaler und KI-Werkzeuge, die sich auf drei Beiträge des Bandes beschränkt (die genannten und Beitrag 16), etwas kurz kommt, ist einerseits verständlich angesichts der rasanten Entwicklungen, mit denen wir es hier zu tun haben. Andererseits ist dies überraschend, führt Welch doch die jüngsten technologischen Entwicklungen im Bereich generativer KI explizit als Grund an für die Herausgabe eines zweiten Bandes zur philosophischen Lehre so bald nach Erscheinen des ersten (S. 2). 

Zu den Lehrwerkzeuge im weiteren Sinne, die in Teil III vorgestellt werden, gehören Aktivitäten aus dem Bereich des Impro-Theaters, zu denen kreative Vorschläge für den Einsatz in der philosophischen Lehre vorgestellt werden (vgl. Beitrag 25 von Russell Markus, Nathalie Martinez und Ashley Pryor), sowie die Reflexion unterschiedlicher Rollen Lehrender und der Wichtigkeit, eine passende Rolle für sich und den jeweiligen Lehrkontext zu finden (vgl. Beitrag 26 von Andrew P. Mills, Monica „Mo“ Janzen und Sarah K. Donavan). Schließlich finden sich in diesem Abschnitt des Buches auch ganz konkrete praktische Empfehlungen. Dazu zählen Überlegungen zur Verbesserung von Prozessen des Feedback-Gebens, unter anderem im Beitrag von Julia Staffel, die den Einsatz von Audio- und Video-Feedback für schriftliche Arbeiten Studierender erläutert und empfiehlt (Beitrag 19). 

Konkrete Schilderungen von Erfahrungen und Empfehlungen für die Lehr- und Beratungspraxis finden sich ebenfalls in Teil IV (Teaching in Motion, Beiträge 27 bis 34). Dazu zählen schreibdidaktische Überlegungen für die Unterstützung der Schreibprozesse Studierender und Promovierender bei umfangreicheren Arbeiten im Sinne der „process pedagogy“ (vgl. Beitrag 27 von Karen Adkins) sowie Reflexionen und Übungen zum Überarbeiten von Texten durch Neuschreiben (vgl. Beitrag 28 von Bobbi Cohn). 

Teil V umfasst Beiträge Studierender und Promovierender, die aus der Perspektive von Teilnehmenden auf die philosophische Lehrpraxis blicken (Student Reflections, Beiträge 35 bis 39). Dabei spielt etwa das transformative Potenzial philosophischer Lehrveranstaltungen eine Rolle, das nicht zuletzt im philosophischen Austausch mit andersdenkenden Mitstudierenden enthalten ist, wie Amy Soulis vor dem Hintergrund eigener Studienerfahrungen aufzeigt (vgl. Beitrag 35). 

Der letzte Abschnitt IV (Making It Count, Beitrag 40) enthält lediglich einen längeren Aufsatz, den Welch eingangs ebenfalls als „must read“ einordnet. Hier adressiert Stephen Bloch-Schulman die Frage, wie man den Wert der eigenen Lehre für andere sichtbar machen kann – insbesondere im Kontext von Bewerbungen oder Beförderungen. Die Perspektive der Karriereberatung, die er hier einnimmt, verbindet Bloch-Schulmann einerseits mit einer kritischen Reflexion zu den üblichen Lehrevaluationen durch Studierende und deren begrenzter Aussagekraft. Andererseits bietet er interessante Anregungen dafür, wie sich aufschlussreichere Formen der Evaluation mit den Zielen verbinden lassen, sowohl die eigene Lehre weiterzuentwickeln als auch ihren Wert für andere nachvollziehbar zu machen. 

Die meisten Beiträge des Bandes sind von Lehrenden für Lehrende geschrieben. Sie basieren in der Regel nicht auf systematischer Forschung, sondern primär auf Erfahrungen und Reflexionen eigener Lehr- und Beratungspraxis, die teils zu allgemeindidaktischer oder philosophischer Literatur in Bezug gesetzt werden. Dass die Beiträge im Kontext des US-amerikanischen College- und Universitätssystems entstanden sind, schlägt sich teils in Spezifika nieder, die im deutschsprachigen Raum für die Hochschullehre in aller Regel nicht einschlägig sein dürften (wie Herausforderungen, die mit der Vergabe mündlicher Noten einhergehen oder rechtliche Rahmenbedingungen, die Gruppenprüfungen erlauben). Häufig sind die in den jeweiligen Beiträgen angestellten Überlegungen dennoch auch für andere Lehrkontexte – teils auch für den schulischen Unterricht – aufschlussreich und adaptierbar. Das gilt etwa für Anregungen und Formate dafür, wie mehr Studierenden die aktive Teilnahme am Seminargespräch erleichtert werden kann, auch ohne dass dabei die Benotung eine Rolle spielt (vgl. Beitrag 12 von Aliosha Barranco Lopez), oder für inspirierende Beispiele kollaborativer philosophischer Projekte für die Einbindung in Lehrveranstaltungen, die sich für den Einsatz jenseits von Prüfungsleistungen anpassen lassen (vgl. Beitrag 32 von Candice Delmas). 

Wer über die Beiträge des Bandes hinaus weiter lesen möchte, findet vielfältige Anregungen in der zitierten Literatur und in weiterführenden Lektüreempfehlungen. In den Kurzbiografien am Ende des Bandes finden sich zusätzliche Verweise auf einschlägige Literatur und andere Ressourcen, darunter etwa der „Schaukasten für Seminarpläne“ im Blog der American Philosophy Association, zu dem eine ganze Reihe der hier vertretenen Autor:innen beigetragen hat.

Ich kann die Lektüre des Bandes oder ausgewählter Beiträge daraus wärmstens empfehlen. Vielleicht bietet sie ja Anlass für das eine oder andere reale Flurgespräch mit Kolleg:innen oder Studierenden am eigenen Institut, macht Lust auf weiteren Austausch zur Lehre im Rahmen von Arbeitsgruppen oder inspiriert das unmittelbare Ausprobieren von Neuerungen in der eigenen philosophischen Lehre. 

Literatur 

Welch, Brynn F. (Hg.) (2024). The Art of Teaching Philosophy. Reflective Values and Concrete Practices. London: Bloomsbury Academic. 

Welch, Brynn F. (Hg.) (2026). Innovations in Teaching Philosophy. A Toolkit for the 21st Century Classroom. London: Bloomsbury Academic.