VON HAMID TAIEB (BERLIN)
Dieser Beitrag erscheint im Rahmen des Themenschwerpunkts „Diversität in der philosophischen Lehre”.
Erfreulicherweise sind Aufrufe, den Kanon in der Geschichte der Philosophie zu erweitern, heutzutage in der Disziplin weit verbreitet. Das Projekt, ein inklusiveres Verständnis der Disziplin zu entwickeln, kann sowohl auf der wissenschaftlichen als auch auf der pädagogischen Ebene verfolgt werden. An der Humboldt-Universität zu Berlin erkunden wir ein experimentelles Format, um es in unserer Lehre zu verankern.
Wir organisieren eine Vorlesung mit dem Titel „Philosophische Traditionen“, zu der wir Spezialist*innen verschiedener philosophischer Traditionen einladen, einen einführenden Vortrag über die Tradition zu halten, zu der sie arbeiten, – entweder im Allgemeinen oder mit einem Fokus auf ein repräsentatives Thema dieser Tradition. Die Idee der Vorlesung besteht darin, so viele Traditionen wie möglich einzubeziehen, und die Vorlesung ist prinzipiell als open-ended Veranstaltung konzipiert. Bis jetzt hatten wir drei Vorlesungsreihen (im Sommersemester 2023, 2024 und 2025), wobei jeweils ein anderes Mitglied des Instituts für die Organisation verantwortlich war, wenngleich unterstützt von einem größeren Organisationsteam, das am Ende dieses Blogbeitrags aufgeführt ist.
Um einen kurzen Einblick in das Programm zu geben: Im ersten Jahr umfasste die Vorlesung eine Sitzung zur antiken chinesischen Philosophie, eine zur frühen analytischen Philosophie und frühen Phänomenologie sowie Sitzungen zur indischen buddhistischen Philosophie, zur klassischen deutschen Philosophie und zur Adab-Tradition – eine (uns) weniger bekannte philosophische und literarische Tradition der islamischen Welt. Eine ähnliche thematische Breite war auch in den folgenden Vorlesungsreihen anzutreffen.
Natürlich ist es keine einfache Aufgabe, für all diese Traditionen Expert*innen zu finden. Unsere Strategie besteht darin, unsere Kolleg*innen an der HU Berlin zu bitten, die Sitzungen zu übernehmen, für welche wir die Expertise in unserem Institut selbst haben, forschende Gastwissenschaftler*rinnen ausfindig zu machen, die derzeit in Berlin sind, und andere Traditionen abdecken könnten, sowie schließlich, Gäste von außerhalb Berlins (und eventuell aus dem Ausland) einzuladen für die Traditionen, für welche sich keine Expertise in den zwei ersten Gruppen findet.
Während es eine Tendenz gibt, deren Ursprung in der modernen Philosophie aufgespürt werden kann, die Philosophie als eine rein europäische Disziplin zu betrachten und nicht-europäische Philosophien als Projekte einer anderen Art zu behandeln – oft, indem man sie in einer gönnerhaften Weise als „Weisheiten“ bezeichnet –, zielt unsere Vorlesung darauf ab, sowohl europäische Traditionen als auch philosophische Traditionen aus anderen Teilen der Welt einzubeziehen. Und innerhalb der europäischen Philosophie selbst hat die Vorlesungsreihe das Ziel, sich auch mit weniger bekannten Traditionen und Philosoph*innen zu beschäftigen. So haben wir z.B. eine Sitzung zu den Frauen in der frühneuzeitlichen Philosophie organisiert, und unsere Sitzung über Phänomenologie war vor allem frühen Mitgliedern der Tradition, statt späteren und besser bekannten Figuren wie Heidegger und Merleau-Ponty gewidmet.
Ziel der Vorlesungsreihe ist es, in Bezug auf unser Verständnis davon, was Philosophie ist, bottom-up vorzugehen. D.h., wir wollen es soweit wie möglich vermeiden, Vorannahmen über die richtige Definition der Disziplin zu machen, und stattdessen eher eine Vorstellung davon entwickeln, was Philosophie ist, nachdem wir die Vorträge all dieser verschiedenen Traditionen gehört haben. Als Teil dieser Bemühung, Vorannahmen zu vermeiden, haben wir uns dazu entschieden, alle Traditionen, egal ob (uns) bekannt oder nicht, gleich zu gewichten: Wir widmen jeder Tradition eine Sitzung, unabhängig davon, ob es sich um eine (uns) gut vertraute Tradition wie die klassische deutsche Philosophie handelt oder um eine (uns) weniger vertraute wie die Adab-Tradition. Vielleicht war die einzige Annahme, die wir hatten (ohne sie allzu explizit zu machen), dass Philosophie ein Familienähnlichkeitsbegriff sein könnte: D.h., dass es verschiedene menschliche Praktiken gibt, die einander zu gewissen Graden ähnlich sind und die alle zu Recht „Philosophie“ genannt werden können; dass es aber keine einzige Definition der Philosophie gibt, die auf alle zutrifft.
Zusätzlich zu den regulären Sitzungen der Vorlesungsreihe, die einer spezifischen Tradition gewidmet waren, haben wir auch einige sogenannte „Reflexionssitzungen“ organisiert. Während die regulären Sitzungen verschiedene philosophische Traditionen vorstellten und daher darauf abzielten, in ein spezifisches philosophisches Material einzuführen, waren die Reflexionssitzungen eine Gelegenheit, kritisch über die Methodologie in der Geschichte der Philosophie und die Weise, wie sie geschrieben worden ist (ihre „Historiographie“), nachzudenken. Während dieser Sitzungen haben wir darüber diskutiert, was in der Art und Weise, wie die Geschichte der Disziplin konstruiert worden ist, möglicherweise fehlgegangen ist, welche Rolle Sexismus, Rassismus und andere Arten von Diskriminierung in der Historiographie der Philosophie gespielt haben und wie wir unsere Herangehensweise an die Disziplin verbessern könnten, um zu vermeiden, die gleichen Fehler zu wiederholen. Die Reflexionssitzungen wurden entweder von uns selbst (den Mitgliedern des Organisationsteams) geleitet, oder von eingeladenen Vortragenden, die selbst mit Problemen der Historiographie der Philosophie konfrontiert sind (weil sie über weniger bekannte Traditionen arbeiten, weil sie Forschungsprojekte leiten, in denen sie versuchen, den Kanon zu erweitern, usw.).
In den zwei ersten Jahren war die Vorlesung eine „vertiefende Einführungsvorlesung”, mit parallelen Tutorien für Studierende. Im dritten Jahr fand die Vorlesung ohne Tutorien statt (vor allem wegen eines Mangels an Tutor*innen am Institut). Die parallelen Tutorien waren der eingehenden Lektüre eines Primärtextes aus jeder der in den Vorlesungssitzungen vorgestellten Traditionen gewidmet. Der Text wurde von dem*der Vortragenden ausgewählt und sollte für die Art von Themen, die in der betreffenden Tradition diskutiert werden, und für den Stil, in welchem dies typischerweise in dieser Tradition geschieht, repräsentativ sein. Auf diese Weise erhielten die Studierenden einen textuellen Zugang aus erster Hand zu den verschiedenen Traditionen, die ihnen vorgestellt wurden.
Die Lehrevaluationen zeigen, dass die Vorlesung bei den Studierenden gut angekommen ist. Obwohl sie sich meistens noch in einer frühen Phase ihres Studiums befanden, hat ihnen das breite Panorama, das unsere Vortragenden ihnen vorgestellt haben, gefallen. In der Tat waren wir froh, die Gelegenheit zu haben, all dieses reichhaltige Material den Studierenden zu Beginn ihres Studiums vorstellen zu können, da wir dachten, dass es ihnen helfen könnte, sich im Verlauf ihres Studiums besser zu orientieren, indem ihnen von Anfang an ein breiteres Verständnis der Disziplin angeboten wird.
Dank des Feedbacks der Studierenden waren wir in der Lage zu sehen, was sie mochten und motivierend fanden, aber auch, wie wir das Projekt verbessern können. Die kritischsten Kommentare, die wir bekommen haben, waren, dass für manche Traditionen, speziell solche, die weiter von den gut bekannten europäischen Traditionen entfernt sind, mehr Zeit für eine generelle Einführung in die Tradition hilfreich gewesen wäre, bevor man in detaillierte Diskussionen von spezifischen Themen einsteigt. Manche Studierende fanden auch einige Texte der Primärliteratur sehr herausfordernd. Wir freuen uns, die Möglichkeit zu haben, auf diese Kommentare bei der zukünftigen Planung der Veranstaltung aufbauen zu können.
Die Vorlesung wurde von Michael Beaney, Jonathan Beere, Kristina Lepold, Hamid Taieb und James Wilberding organisiert.1
- Ich danke Maria Stäcker und den Herausgeber*innen dieses Blogs ganz herzlich für die Korrektur meines Deutsch. ↩︎
Zur Person
Hamid Taieb ist DFG Emmy-Noether-Forschungsgruppenleiter an der HU Berlin. Er forscht zur Geschichte der Philosophie, insbesondere zum Mittelalter und zur Spätmoderne, sowie zur theoretischen Philosophie, vor allem zur Philosophie des Geistes.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
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