VON YARA WINDMÜLLER (KIEL)
Zum Gelingen von Philosophieseminaren leisten vor allem die Studierenden einen wesentlichen Beitrag. Alle Beteiligten müssen einander angemessen im Blick haben, um den Text gemeinsam immer tiefer durchdringen zu können. Was das konkret bedeutet und wie es zu erreichen ist, möchte ich in diesem Beitrag näher skizzieren und dabei aus studentischer Sicht Ideen teilen, wie dies gelingen kann.
Auch wenn es häufig nicht so scheinen mag, muss zunächst einmal klar sein: Studieren ist keine Einzelsportart. Studieren bedeutet nicht, in Seminaren zu sitzen, die Zeit dort vielleicht sogar bloß abzusitzen, und dabei die vorliegenden Texte möglichst schnell in Einzelarbeit zu bewältigen. Es bedeutet auch nicht, ausschließlich auf so etwas wie das Erreichen bestimmter individueller Lernziele oder eines eigenen Kompetenzzuwachses fokussiert zu sein. All dies macht kein angenehmes und gewinnbringendes Seminar aus. Stattdessen wird ein Seminar nach meiner Erfahrung besonders dann gut, wenn seine Teilnehmenden gemeinsam daran interessiert sind, sich mit seinem Gegenstand auseinanderzusetzen – wenn sie sich als Teil eines Kollektivs verstehen, innerhalb dessen jede:r eine bestimmte Rolle übernimmt, die sich genau in dieses Gefüge einordnet.
Damit meine ich nicht, dass sich alle Teilnehmenden zwingend untereinander kennen oder kennenlernen müssen (gleichwohl mag das nebenbei passieren) und auch nicht, dass das Seminar auf bestimmte Sozialformen zurückgreifen muss – erzwungene Kennenlernrunden und Gruppenarbeiten um der Gruppenarbeit willen führen ohnehin nur zu wenig. Stattdessen ziele ich darauf ab, dass das Seminar die Intention verfolgen muss, den Text gemeinsam zu verstehen – sodass die Stellen, die für das Seminar insgesamt (oder manchmal auch für einzelne Teilnehmende) interessant sind, wesentlich tiefgreifender, nachhaltiger und wirkungsvoller durchdrungen werden, als es jede:r Einzelne alleine bewerkstelligen kann.
In diesem Sinne halte ich es für unabdingbar, dass jede:r Teilnehmer:in eine gewisse Sensibilität für die anderen Teilnehmenden bzw. für das Seminargefüge insgesamt mitbringen oder sie zumindest anstreben sollte. Das bedeutet vor allem, dass jede:r ein Gespür für den Raum mitbringen und regelmäßig reflektieren sollte, ob die Rolle, die man selbst in diesem Seminar aktuell einnimmt, angemessen ist. Das beinhaltet eine Aufmerksamkeit dafür, welcher Aspekt gerade besprochen wird, ob man selbst dazu etwas Passendes beitragen könnte und wie der eigene Beitrag auf eine Weise formuliert, moderiert und kommentiert werden kann, dass er möglichst vielen Teilnehmenden weiterhilft. Das ist insbesondere in Seminaren wichtig, die von Studierenden unterschiedlicher Semester besucht werden, wo also die besondere Herausforderung besteht, Studierende verschiedener Erfahrungsstufen gleichermaßen in das Gespräch einzubinden.
Keiner dieser Aspekte betrifft unmittelbar das Textverständnis, sondern vielmehr die Art und Weise, wie man selbst im Seminargefüge auftritt, welchen Platz man selbst einnimmt und wie viel Raum für andere Teilnehmende übrig bleibt. Diese Überlegungen immer wieder anzustellen, ist aus meiner Sicht ein essenzieller Bestandteil dessen, was es bedeutet, sich als Teil eines Seminars zu verstehen und damit dazu beizutragen, dass das kollektive Anliegen gelingt. Damit geht natürlich eine gewisse Verantwortung einher, der man jedoch mit etwas Übung oft schon relativ leicht gerecht werden kann.
Gegenprobe: Eine Person, der dieser Blick vollständig fehlt, wird etwas beitragen, das zwar vielleicht mit dem Thema zu tun hat, dabei aber insgesamt am gegenwärtigen Erkenntnisinteresse vorbeischrammen. Es wird ihr wichtiger sein, etwas gesagt zu haben, als dass möglichst viele Teilnehmende mit diesem Beitrag etwas anfangen können. Vielleicht wird diese Person dabei die Namen einiger scheinbar wichtiger (in der Regel männlicher) Philosophen gedroppt haben, die in dem vorliegenden Text allerdings weder Erwähnung finden noch anderweitig hilfreich sind. Sie wird nicht reflektieren, mit welchem Vorwissen sie selbst bzw. die anderen Teilnehmenden im Seminar sitzen, sodass sie daran scheitern wird, ihren Beitrag in einer Weise zu formulieren, die möglichst viele Kommiliton:innen weiterbringt. Kurzum: Sie interessiert sich nicht für die anderen Teilnehmenden, sie trägt nicht zum kollektiven Vorhaben bei, und vielleicht stört sie es sogar. Zum Glück treffe ich Kommiliton:innen dieser Art nicht häufig, aber es gibt sie zweifellos.
Von dieser eher abträglichen Form der Seminarteilnahme einmal abgesehen ließen sich – sehr grob und stark vereinfachend – möglicherweise drei Weisen der Teilnahme an Seminaren unterscheiden: aktive Gesprächsteilnehmer:innen (die den größten Redeanteil einnehmen), eifrige Notizenschreiber:innen (die sich gelegentlich zu Wort melden) und stille Zuhörer:innen (die sich aus unterschiedlichen Gründen – beispielsweise aus Angst, etwas Falsches zu sagen, oder weil sie das Gefühl haben, dass es andere viel besser ausdrücken könnten als sie selbst – kaum oder gar nicht beteiligen).
Im Sinne des kollektiven Gedankens sind dies stets Rollen, die sich häufig wiederfinden, niemals festgelegte Typen von Studierenden. Diese Rollen verteilen sich meist in den ersten Wochen eines Semesters, nachdem sich eine Seminargruppe formiert hat. In (zugegeben anekdotischen) Gesprächen mit Kommiliton:innen höre ich immer wieder, dass es oft schwerfällt oder es gar als eine Art Bruch mit den Konventionen erscheint, die eigene Rolle nach einiger Zeit noch zu wechseln – wer sich am Anfang viel beteiligt, tut das in der Regel über das ganze Semester hinweg; wer am Anfang wenig beiträgt, spürt häufig eine gewisse Hemmung, sich später im Semester noch zu Wort zu melden. Wenn nicht gerade ein genereller Mangel an Vorbereitungszeit hierfür ursächlich ist, dann liegt das oft nicht daran, dass diese Studierenden nichts zu sagen hätten, sondern viel eher an dem besagten Hemmnis, mit der zunächst eingenommenen Rolle zu brechen, und zwar unabhängig davon, ob diese freiwillig gewählt wurde oder aufgrund der Seminardynamik zustande gekommen ist. (Ähnliche Beobachtungen teilt Deborah Mühlenbach in ihrem Blogbeitrag.)
Genau aufgrund dieser Hemmnisse tut eine Seminargemeinschaft jedoch gut daran, sich selbst als dieses gemeinsame Projekt zu verstehen und dafür vor allem einander im Blick zu haben. Gerade die mündlich eher weniger aktiven Teilnehmenden können von einem Philosophieseminar als wahrhaft kollektiver Veranstaltung profitieren, indem ihre Präsenz immer wieder von allen Teilnehmenden berücksichtigt wird. Stilleren Teilnehmenden schadet es vermutlich am meisten, wenn einige wenige Studierende das Gespräch übernehmen, dabei im Zweifel nur noch auf sich selbst achten, ihr eigenes Vorwissen blind voraussetzen und dadurch teilweise aktiv exkludierende Beiträge liefern, um sich selbst zu profilieren – schon der bloße Anschein solcher Beiträge kann eigene Selbstzweifel, die ohnehin bereits existieren mögen, massiv verstärken. Hingegen hat in einem Seminar, in dem auf die Situation der stillen Zuhörer:innen immer wieder in angemessener Weise Rücksicht genommen wird, indem immer wieder möglichst anschlussfähige Diskussionsaspekte aufgenommen werden, idealerweise nahezu jede:r zumindest die Chance, weiterhin vom Seminar zu profitieren.
Textstellen zu nennen, selbst klärende Rückfragen zu stellen, auf andere Beiträge einzugehen, über den Text hinausgehende Namen und Konzepte angemessen einzubetten sowie klar zu markieren, wenn eine Frage oder eine Idee, die aus persönlichem Interesse eingebracht wurde, letztlich nebensächlich oder zumindest für den Seminargegenstand nicht allzu zentral ist, sind einfache und effektive Weisen für alle Teilnehmende, sich am Seminar zu beteiligen und dabei weiterhin an den anderen orientiert zu sein. (Siehe zu weiteren Anregungen Olivia Baileys Blogbeitrag.)
Zugegeben: Ob alle diese Chance nutzen, ist letztlich jede:r Teilnehmer:in selbst überlassen, und zusätzlich trägt letztlich auch jede:r selbst einen Teil der Verantwortung dafür, dass das gelingt, indem alle Beteiligten dem Seminar signalisieren können und müssen, ob diese kollektive Bemühung, alle mitzunehmen, Früchte trägt. Es liegt gleichzeitig aber vor allem in der Verantwortung der regelmäßigen Sprecher:innen – also vorwiegend der aktiven Gesprächsteilnehmer:innen und der Dozent:in –, erst einmal ein Gespräch zu führen, das diese Chance zur Beteiligung und Rückmeldung im Prinzip für alle offen lässt.
Ein gesundes Seminarklima, in dem alle Teilnehmende ihre Beiträge bewusst so formulieren, dass sie möglichst gut auf die anderen Teilnehmenden abgestimmt sind, kann dabei helfen. Dazu beizutragen ist nicht immer leicht, denn natürlich ist es immer mit ein wenig Spekulation verbunden, insbesondere die stillen Teilnehmenden in dieser Hinsicht richtig einzuschätzen. Eine zielgerichtete Formulierung eines Beitrags setzt außerdem voraus, dass zumindest schon ein bisschen was vom Seminargegenstand verstanden worden ist, sodass flexible Reformulierungen möglich sind. Immer wieder auf offene Fragen und Textstellen hinzuweisen, die einem selbst unklar sind, um sie dann (gerne auch explizit) als Gesprächseinladungen für alle Teilnehmenden einzubringen, ist zumindest ein erster Schritt in diese Richtung. Es hilft (und es ist ein Indiz für einen gelungenen Beitrag im Sinne des kollektiven Anliegens), wenn andere Teilnehmende die eigenen Beiträge aufnehmen und weiterdenken.
Dementsprechend kann sich die Dozentin eines solchen Seminars – trotz oder gerade wegen des expliziten Bezugs auf die Teilnehmenden – selbstverständlich nicht einfach zurücklehnen. Auch sie muss ihre Rolle aktiv reflektieren (siehe dazu Almut Kristine von Wedelstaedts Blogbeitrag). Zunächst einmal nimmt sie die vorwiegend formale, aber extrem wichtige Rolle der Gesprächsleiterin ein, die entscheiden muss, welche Teilnehmerin (sie selbst eingeschlossen) wann das Wort bekommt. Hier kann sie den Studierenden bereits einen wichtigen Anteil der kollektiven Verantwortung abnehmen, indem sie entscheidend zur Steuerung des Gesprächs und dessen Atmosphäre beiträgt. Indem sie die Diskussion auf bestimmte Aspekte lenkt, die mutmaßlich für alle anschlussfähig sind, leistet auch sie ihren Beitrag zur prinzipiellen Offenheit des Gesprächs.
Zusätzlich nimmt sie selbstverständlich weiterhin an der inhaltlichen Diskussion teil. Sie tut dies jedoch auf eine bestimmte Weise, nämlich weniger im Rahmen eines mehr oder weniger hierarchischen Verhältnisses zwischen einer „wissenden“ Dozentin und einer Gruppe Studierender, die dieses Wissen mal mehr, mal weniger kritisch aufnimmt (eine Rollenerwartung, die ich vor allem seitens Studierender leider manchmal wahrnehme), sondern vielmehr weitgehend gleichberechtigt als eine Gesprächsteilnehmerin unter vielen, die ihren unbestreitbaren Wissens- und Erfahrungsvorsprung sinnvoll einsetzt. Sie selbst sollte versuchen, regelmäßig möglichst vielfältige Kontextualisierungen, Hinweise, (ehrliche!) Fragen und Gesprächsaufforderungen zu liefern, die jeder Teilnehmerin die Chance einräumen, sich zu beteiligen. Auf diese Weise wird das Gespräch insgesamt demokratischer, gewinnt durch neue Einfälle und weiterführende Gedanken an Vielfalt und Tiefe und bleibt den Teilnehmenden insgesamt als (selbst-)wirksamer im Gedächtnis.
Eine solche Haltung ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist es vor allem deshalb nicht, weil zu studieren leider häufig in erster Linie darauf reduziert ist, eine festgelegte Anzahl an Prüfungen in einem festgelegten Zeitraum abzuarbeiten, um dafür am Ende eine Urkunde zu bekommen. Dass unter diesen Umständen der Gedanke, ein Seminar gemeinsam zu bestreiten, nicht selbstverständlich Platz hat, kann man niemandem vorwerfen. Aber dort, wo er doch einmal durchsticht, wird das Studium schnell zu etwas wirklich Besonderem. Was es dafür braucht, ist eine Sensibilität für die Gruppe, also eine Bereitschaft von allen Beteiligten, so weit wie möglich alle anderen in ihrer Person, ihrem Kenntnis- und Erfahrungsstand und dem gemeinsamen Erkenntnisinteresse so in den Blick zu nehmen, dass die Lehrveranstaltung für alle möglichst gewinnbringend ist. Das lässt sich ruhig explizit thematisieren und durchaus einfordern, egal ob in Einführungssitzungen oder zwischendurch. Und auch die ein oder andere Möglichkeit, in kleineren Runden ins Gespräch zu finden, kann unterstützend wirken, sofern sie sinnvoll platziert ist.
Über derart gelungene Seminare – ich selbst schätze mich glücklich, dass ich hier gleich mehrere nennen könnte – wird teilweise noch Jahre später gesprochen; wer nicht dabei war und davon hört, empfindet vielleicht sogar ein wenig Neid (auch das trifft auf mich zu). Es lohnt sich also sehr, zu versuchen, das Seminar zu etwas wirklich Besonderem werden zu lassen.
Dafür trägt jede Teilnehmerin eine ständige eigene Verantwortung gegenüber dem Seminar: Jede:r kann und sollte sich selbst dahingehend reflektieren, welchen Teil sie zum Gelingen des Seminars beitragen kann; immer so, dass nicht nur sie selbst, sondern primär alle anderen davon profitieren – denn dann wird sie selbst ebenfalls umso mehr daraus schöpfen.
Zur Person
Yara Windmüller ist Masterstudentin der Philosophie, Geographie und Anglistik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Sprachphilosophie, Erkenntnistheorie sowie der Philosophie Ludwig Wittgensteins.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0
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