Studienleistungen für Lehramtsstudierende

VON KIRSTEN MEYER (BERLIN)

Lehramtsstudierende sagen manchmal, dass die philosophische Komplexität und Tiefe der fachwissenschaftlichen Seminare für ihre spätere Tätigkeit in der Schule nicht relevant sei. Ich erkläre dann, warum ich es für einen gelungenen Ethik- und Philosophieunterricht für zentral halte, dass die Lehrkräfte ein wirklich tiefes Verständnis für die im Unterricht behandelten philosophischen Fragen haben. Neben solchen Erklärungen wäre es aber gut, die Relevanz der fachwissenschaftlichen Inhalte und Methoden für die Lehramtsstudierenden stärker erfahrbar zu machen. Dazu eignen sich die hier vorgestellten Studienleistungen.

Mein Vorschlag richtet sich an Lehrende fachwissenschaftlicher Seminare und erfordert keine spezifischen fachdidaktischen Kenntnisse. Die Lehrenden könnten den Lehramtsstudierenden die Möglichkeit eröffnen, in ihren (unbenoteten) Studienleistungen Seminarinhalte für den schulischen Unterricht aufzubereiten. Dabei erfahren die Studierenden, wie gut sie ein philosophisches Problem selbst verstehen müssen, um es für die Schüler:innen motivierend aufzubereiten. Sie erfahren auch, wie tief sie die argumentative Struktur eines Textes selbst durchdringen müssen, um daraus für die Schüler:innen geeignete kurze Auszüge wählen zu können. Auf diese Weise erhalten sie eine erste Gelegenheit, die anspruchsvolle Aufgabe der didaktischen Textreduktion und -transformation zu üben und zu reflektieren.

In meinem Proseminar zu Peters Singers Buch Praktische Ethik (im WS 24/25) habe ich diese Art der Studienleistung angeboten. Wir haben in diesem Seminar in jeder Sitzung ein Kapitel aus Praktische Ethik diskutiert. Im Rahmen ihrer Studienleistungen haben die Studierenden dieses Seminars Arbeitsblätter für Schüler:innen erstellt, die jeweils Textauszüge aus einem der Kapitel dieses Buches und dazu passenden Aufgaben beinhalteten. Konkret wurde die Anforderung so formuliert: „Die Studienleistung dieses Seminars besteht darin, Materialien für Schüler:innen mit einem Textauszug und dazu passenden Aufgaben zu erstellen. Zur Orientierung, welche Form die Materialien haben sollen, schauen Sie sich bitte Bausteine auf https://www.philovernetzt.de/ an.“

Der Bezug zu den Materialien auf philovernetzt diente als Orientierung und hat auch dazu geführt, dass die Studierenden in der Erstellung der eigenen Materialien recht kreativ geworden sind. So enthielten die Arbeitsblätter z.B. Links zu Videos als Einstieg für die Schüler:innen, etwa einen Link zu einem filosofix-Video zu Singers Teichbeispiel. Natürlich ließen sich auch andere Beispielmaterialien zur Orientierung angeben. Die Studierenden sollten ihre Materialien drei Wochen vor Ende des Semesters auf die gemeinsame Lernplattform hochladen. In zwei eigens dafür reservierten Sitzungen am Ende des Semesters wurden ausgewählte Materialien gemeinsam besprochen. Die Studierenden haben diese Materialien daraufhin überarbeitet und wiederum auf die Lernplattform hochgeladen. Dadurch verfügten am Ende des Semesters alle Studierenden dieses Seminars über Arbeitsmaterialien zu jedem der Kapitel des Buches Praktische Ethik, die später im Praxissemester oder im Referendariat eine hilfreiche Grundlage für ihre Unterrichtsplanung darstellen können.

Die konkrete Vorgehensweise ließe sich anpassen. Ich hatte mein Seminar zwar nur für Lehramtsstudierende angeboten, aber mein Vorschlag ist auch auf gemischte Studierendengruppen anwendbar. Wer nicht auf Lehramt studiert, kann dann eine andere Art von Studienleistung erbringen. Es ist auch nicht unbedingt nötig, die letzten beiden Sitzungen für eine Diskussion der von den Studierenden erstellten Arbeitsblätter zu reservieren. Stattdessen wäre es z.B. denkbar, das gegenseitige Feedback der Lehramtsstudierenden zu einem Teil der Studienleistung zu machen, also zu erwarten, dass sie ein eigenes Arbeitsblatt erstellen und konstruktives Feedback zu einem weiteren Arbeitsblatt geben. Zudem könnten die Materialien auch gemeinsam in Gruppen von Lehramtsstudierenden erstellt werden. Die auf diese Weise erstellten Arbeitsblätter wären noch nicht ausgereift. Die Studierenden müssten, über die Anpassung an ihre jeweilige Lerngruppe hinaus, später noch daran feilen, wenn sie diese tatsächlich im schulischen Unterricht einsetzen möchten. Doch der Anspruch auf Perfektion besteht hier ohnehin nicht. Es geht eher darum, die Relevanz der fachlichen Inhalte für die Studierenden erfahrbar zu machen. Daher kann diese Art der Studienleistung von allen Lehrenden in ihren fachwissenschaftlichen Seminaren angeboten werden und nicht nur von Lehrenden, die selbst auch in der Fachdidaktik unterrichten.

In der abschließenden Lehrevaluation bezog sich das Feedback der Studierenden häufig direkt auf die Studienleistung. Gut gefallen habe ihnen, dass diese „keine Aufgabe ist, die man nur abgearbeitet hat, sondern auch etwas ist, das einem später wirklich etwas im Job bringt.“ Sie hielten es für eine „gute Idee, gemeinsam für alle gute Unterrichtsmaterialien erstellen zu lassen.“ Und offenbar hat die Vorgehensweise auch zu einer intensiveren Beschäftigung mit den Seminartexten motiviert. So lobt jemand den Bezug des Fachwissens auf konkrete Unterrichtsinhalte und schreibt: „Dieser direkte Bezug hat mich persönlich motiviert, mich intensiver mit den Seminarinhalten zu beschäftigen.“ Mich selbst haben dieses Feedback und die positiven Erfahrungen mit dem Seminar dazu motiviert, diese Art der Studienleistung hier vorzustellen.


Zur Person

Kirsten Meyer ist Professorin für Praktische Philosophie und Didaktik der Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie unterrichtet in der Fachwissenschaft und Fachdidaktik. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich insbesondere mit bildungsphilosophischen Fragen und mit verschiedenen Fragen der Ethik, wie etwa mit Fragen der Zukunftsethik.


Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.


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