Philosophie-Bootcamp für interdisziplinäre Studiengänge

VON TANJA RECHNITZER UND DONAL KHOSROWI (HANNOVER)

Besonders bei interdisziplinären und internationalen Studiengängen treffen Studierende mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Vorkenntnissen aufeinander. Um allen einen gelungenen Start ins Studium zu ermöglichen und eine gemeinsame Ausgangslage zu schaffen, führen wir in Hannover seit mehreren Semestern mit großem Erfolg ein „Bootcamp“ für neue Studierende unseres Masters „Philosophy of Science“ durch. In einem Blockkurs direkt zum Studienstart lernen die Studierenden sich gegenseitig kennen und erhalten einen Crashkurs in Philosophie und philosophischem Arbeiten.

Ausgangslage und Herausforderungen

Ein interdisziplinärer, englischsprachiger Master wie unser M.A. „Philosophy of Science“ bringt viele Chancen, aber auch vielfältige Herausforderungen für Lehrende und Studierende mit. Während manche Studierende aus Deutschland kommen und vielleicht sogar bereits ihren Bachelor bei uns an der Leibniz Universität Hannover (LUH) gemacht haben, ist ein großer Anteil unserer Studierenden oft das erste Mal in Deutschland. Weiterhin hat ein Teil der Studierenden keinen vorherigen Kontakt mit akademischer Philosophie, sondern hat zuvor zum Beispiel eine Natur- oder Ingenieurswissenschaft oder auch eine andere Geistes- oder Sozialwissenschaft studiert. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass einige unserer besten Studierenden aus dieser zweiten Gruppe kommen. Philosophische Vorkenntnisse zur Bedingung für das Studium zu machen, wäre darum kontraproduktiv. 

Dazu kommt der Aspekt der Sprache: Manche unserer Studierenden sind englische MuttersprachlerInnen, für den Großteil ist Englisch jedoch die zweite oder dritte Fremdsprache. Hat man vorher Philosophie studiert, dann also oft in einer anderen Sprache. Und auch wer ein gutes Philosophiestudium absolviert hat, ist nicht unbedingt mit den Fragestellungen, Problemen und Herangehensweisen der Wissenschaftsphilosophie vertraut. 

Zusammengenommen können diese Herausforderungen und unterschiedlichen Voraussetzungen leicht dazu führen, dass Studierende am Anfang des Studiums überfordert sind und den Anschluss an die Gruppe nicht finden, beziehungsweise sich erst gar keine Gruppe bildet und Studierende sich allgemein etwas verloren fühlen. Bei einer Regelstudienzeit von vier Semestern geht dann schnell viel Zeit vorbei, bevor man richtig im Studium angekommen ist (wenn überhaupt). Viele dieser Probleme sind sicher auch Lehrenden und Studierenden aus anderen Studiengängen bekannt, da sie in gleicher oder ähnlicher Weise oft allgemein beim Studienstart auftreten.

Grundidee und Ziele des Bootcamps

Wie kann man angesichts dieser Ausgangslage einen gelungenen Studienstart unterstützen, so dass Studierende direkt erfolgreich und mit Begeisterung ihr Masterstudium beginnen können? Zu diesem Zweck unterrichten wir, Tanja Rechnitzer und Donal Khosrowi, seit mehreren Semestern ein „Bootcamp“ als Blockkurs direkt vor der ersten Vorlesungswoche. Dieses Bootcamp verfolgt mehrere Ziele.

  • Ziel 1: Crashkurs in Philosophie. Studierende erhalten eine Art grobe Landkarte der Philosophie, die ihnen bei der Orientierung hilft.
  • Ziel 2: Praktische Einführung ins philosophische Arbeiten. Studierende lernen, wie man einen philosophischen Text schreibt – und zwar, indem sie direkt ihren ersten Essay unter intensiver Betreuung schreiben.
  • Ziel 3: Kohortenbildung. Die Studierenden lernen sich gegenseitig kennen, vernetzen sich miteinander und erfahren sich als Teil einer sich gegenseitig unterstützenden Gruppe.

Um diese Ziele effektiv verfolgen zu können, sollten möglichst viele der neuen Studierenden am Bootcamp teilnehmen. An der LUH nutzen wir die Möglichkeit, über eine zentrale Emailadresse alle neu in den M.A. Philosophy of Science eingeschriebenen Studierenden zu erreichen. Das Bootcamp ist außerdem im Wintersemester in das Programm der von der Fachschaft organisierten Orientierungsphase eingebunden. Im Rahmen des Bootcamps kann zudem eine (unbenotete) Studienleistung als Teil des Electives-Moduls im Philosophy of Science-Master erworben werden, was die Teilnahme auch strategisch attraktiv macht: So können bereits vor Beginn der regulären Veranstaltungen erste Credits erworben werden. Tatsächlich erreichen wir auf diese Weise regelmäßig nahezu alle neu eingeschriebenen Studierenden.

Turnus und Gruppengröße

Nicht zuletzt, da manche internationale Studierende zum Studienstart Schwierigkeiten mit ihrem Visum haben und erst verspätet in Hannover eintreffen, bieten wir das Bootcamp jedes Semester an. NachzüglerInnen werden Dank der verbesserten Gruppenbildung im laufenden Semester schnell aufgenommen und können das Bootcamp dann zeitnah nachholen. Unsere Gruppengrößen variieren dabei zwischen 10 bis 15 Studierenden im Wintersemester und 5 bis 8 Studierenden im Sommersemester. Das erlaubt uns eine detaillierte Einzelbetreuung in geeigneter Tiefe. Wir halten das Format generell für skalierbar, schätzen aber, dass die effektive Betreuung größerer Gruppen weitere Maßnahmen erfordert, wie z.B. mehr Peer-Feedback zwischen Studierenden oder das Einbinden von Studierenden höherer Semester als TutorInnen.

Philosophie-Crashkurs

Für die ersten anderthalb Tage kombinieren wir Inputs von uns Dozierenden mit kleineren Übungen für eine kurze Einführung in die Philosophie. Das Ziel ist hier, ein Grundverständnis von philosophischen Fragen, Teildisziplinen, Begriffen und Arbeitsweisen zu vermitteln. Durch Gruppenarbeiten in wechselnden Zusammensetzungen lernen die Studierenden sich gegenseitig kennen und arbeiten von Anfang an produktiv zusammen. Typische Aufgaben sind zum Beispiel, eine Definition eines umgangssprachlich intuitiv verständlichen Begriffs wie „Party“ zu entwickeln, aufzuschreiben und vorzustellen; oder ein Argument aus einem kurzen philosophischen Text in Prämissen-Konklusion-Form als gültiges deduktives Argument zu rekonstruieren. Die Ergebnisse diskutieren wir dann jeweils im Plenum gemeinsam.

Gemeinsam philosophische Texte erarbeiten

Der Rest des Bootcamps widmet sich fast vollständig dem Schreiben des ersten eigenen philosophischen Textes. Ziel ist, einmal den ganzen Prozess von der Lektüre über die Entwicklung einer Fragestellung bis zum Schreiben eines Essays gemeinsam im Schnelldurchlauf zu erarbeiten. Wir geben keine vorige Lektüre auf, sondern erarbeiten alles gemeinsam im Seminar, was durch das Format des Blockseminars ermöglicht wird. Zuletzt haben wir jeweils den Artikel „The extended mind“ von Clark und Chalmers (1998) als Grundlage genommen. Natürlich ist es ein ziemlicher Kraftakt, einen Text gemeinsam im Seminar zu lesen und zu erarbeiten – unserer Erfahrung nach lohnt sich das in diesem Zusammenhang aber sehr. Studierende erfahren direkt in der Gruppe, dass sich die harte Arbeit auszahlt und man am Ende eine gemeinsam erarbeitete systematische Gliederung des Textes hat, mit der man weiterarbeiten kann. Verständnisfragen oder auch methodologische Fragen können wir zudem direkt zu unserer gemeinsamen Rekonstruktion des Textes in Bezug setzen und beantworten. Mit der ersten Erarbeitung des Artikels endet meistens der zweite Tag. Bis zum nächsten Tag sollen sich die Studierenden den Text dann noch einmal anschauen und über mögliche weitergehende Fragen nachdenken, mit Augenmerk auf offene philosophische Fragen, die dann später im Rahmen der Essays verfolgt werden können.

Eigene Problemstellungen entwickeln 

Die verbleibenden ein bis zwei Präsenztage nutzen wir dann für die Entwicklung von Problemstellungen für Essays und die Besprechung der Frage, wie man eigentlich einen philosophischen Text schreibt. Welche Teile hat eine Hausarbeit? Wie sieht der Prozess von der Themenfindung hin zum fertigen Text aus? Um erste Ideen für eigene Fragestellungen zu generieren, hat sich der Einsatz einer Freewriting-Einheit bewährt. Innerhalb von 10 Minuten sollen die Studierenden – ohne Unterbrechung und ohne etwas am entstehenden Text zu korrigieren – alles aufschreiben, was ihnen zu einer bestimmten Frage einfällt, z.B. „Was finde ich am Konzept des extended mind besonders interessant?“ Die dabei entstandenen Ideen und wie man von diesen zu konkreten Fragestellungen kommt, die sich für einen Essay eignen, besprechen und ordnen wir zunächst im Plenum. Danach werden die eigenen Themenideen in Kleingruppen besprochen und weiter konkretisiert. Die Präsenzphase des Bootcamp endet meistens damit, dass wir konkret darüber sprechen, wie man von dieser Idee zu einer Outline und dann zum fertigen Text kommt, und strategische Hinweise dazu geben, was ggf. wichtige Fallstricke bei den sich herausbildenden Essaythemen und -fragen sind. Auf dieser Basis können alle Studierenden gut vorbereitet in die individuelle Schreibphase gehen. 

Eigene Texte schreiben und Feedback erhalten

In der individuellen Schreibphase wird ein Essay von 1500 bis 2000 Wörtern geschrieben. Basis dafür ist der in der Präsenzphase gemeinsam erarbeitete Text. Weitere Literatur soll explizit nicht dazu genommen werden – der Fokus liegt darauf, ein eigenes Argument zu entwickeln und schriftlich darzulegen. In einem einwöchigen Blockkurs stellen wir den Studierenden normalerweise den Freitag für das Erarbeiten einer Outline von 1 bis 2 Seiten zur Verfügung. Diese senden sie uns bis zum darauffolgenden Montag zu und erhalten dann innerhalb von 1 bis 2 Tagen detailliertes schriftliches Feedback von uns. Die Outline enthält 1) die zentrale Fragestellung und Motivation des Essays, 2) einen Überblick über das Hauptargument sowie 3) die Beschreibung eines möglichen Einwandes und die Skizze einer Antwort darauf. Zusätzlich sollen die Studierenden aufschreiben, was ihnen aktuell noch am wenigsten klar ist bzw. wo sie die größte Herausforderung für das Schreiben ihres Essays sehen. Auf Basis ihrer Outline und unseres Feedbacks dazu schreiben die Studierenden innerhalb von zwei Wochen den Essay und erhalten auch auf diesen noch einmal ein ausführliches schriftliches Feedback, das die Stärken sowie das größte Verbesserungspotential hervorhebt, sowie eine Einschätzung dazu, welche Fertigkeiten mit Hinblick auf zukünftige philosophische Projekte wie Haus- und Abschlussarbeiten gezielt gestärkt werden sollten.

Fazit

Die Rückmeldungen zum Bootcamp sind sehr positiv. Beispielhaft zeigt das dieser Auszug aus den Evaluationsergebnissen: „The philosophy of science Bootcamp helps new students engage with their peers, develop essential skills for a successful master and understand what type of work they will be expected to do. Moreover, all of the positive aspects mentioned are developed in an interesting and engaging environment.” Das intensive Block-Format fordert sowohl Lehrpersonen als auch Studierenden einiges ab, es lohnt sich aber auch sehr. Da man permanent im Austausch mit den Studierenden ist und mit allen Zwischenergebnissen immer direkt weiterarbeitet, kann man unmittelbar dabei zuschauen, wie das Verständnis der Studierenden für philosophisches Arbeiten wächst – und wie aus einzelnen Individuen eine sich gegenseitig unterstützende Gruppe wird. Natürlich kann das auch Zufall sein oder an anderen Faktoren liegen, aber unser Eindruck aus nun fünf Semestern ist, dass der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl im Master seit Einführung des Bootcamps eindeutig gewachsen ist. Ebenso haben wir durch Rückmeldung anderer Lehrender den Eindruck, dass die Qualität von Einzelleistungen im Master-Programm generell gestiegen ist und dass Studierende häufig selbstbewusster an Aufgaben herangehen, teilweise mit explizitem Hinweis darauf, was sie im Bootcamp schon gelernt haben. 

Wir sind zuversichtlich, dass sich dieses Format auch für andere Studiengänge erfolgreich einsetzen lässt. Insbesondere Studiengänge ohne dedizierte Schreib- oder Methodenkurse können vom strukturierten Heranführen an das philosophische Arbeiten profitieren. Aber selbst in Programmen mit bereits etablierten Schreib- bzw. Methodenkursen könnten der schnelle Erwerb von Grundkompetenzen zu Anfang des 1. Semesters und die Förderung der Gruppenbildung wichtige Beiträge zum Studienerfolg liefern.


Zu den Personen

Dr. Tanja Rechnitzer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Leibniz Universität Hannover. In Ihrer aktuellen Forschung beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, insbesondere der Wissenschaftskommunikation, sowie Fragen zu Methoden der Philosophie. Ihre persönliche Website ist www.tanjarechnitzer.wordpress.com

Dr. Donal Khosrowi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im ERC-Projekt MAPS (Managing Performative Science) an der Leibniz Universität Hannover. Seine Forschung und Lehre konzentriert sich auf allgemeine Wissenschaftstheorie sowie Philosophie und Ethik der künstlichen Intelligenz und des Maschinellen Lernens. Mehr zu ihm unter: https://philpeople.org/profiles/donal-khosrowi/.


Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.


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