VON ALMUT KRISTINE V. WEDELSTAEDT (BIELEFELD)
Seit 1987 gibt es in Bielefeld im Philosophiestudium Kurse, in denen Studierende die erste Hausarbeit im Studium begleitet schreiben. Diese Kurse hießen mal „HIT“, „Hausarbeit in individuell betreuten Teilschritten“, heute heißen sie einfach „Philosophisches Schreiben“ bzw. „Philosophical Writing“. Der Grundgedanke ist, dass man ungefähr am Ende der Vorlesungszeit des zweiten Fachsemesters eine fertige Hausarbeit hat, die man im Laufe des Semesters schreibt. Dabei wird man individuell begleitet und unterstützt, indem man in mehreren Schritten Texte verfasst, auf die man Feedback von Lehrperson und Kommiliton*innen bekommt und auf dieser Grundlage weiterschreibt.
Wie geht das konkret?
Im Folgenden berichte ich aus meiner Praxis. Tatsächlich sind die Schreibkurse soweit standardisiert, dass diese Praxis ein Stück weit exemplarisch ist, obwohl es natürlich viel Varianz gibt.
Idealerweise findet man als Lehrperson für den Kurs ein Thema, in das sich auch Anfäger*innen schnell und gut einlesen können. Zudem handelt es sich möglichst um ein Thema, zu dem auch Anfänger*innen schnell eigene Ideen entwickeln können, damit sie verhältnismäßig leicht Schreibanlässe finden. Gute Erfahrungen habe ich etwa mit den Abschnitten über Freundschaft aus der Nikomachischen Ethik gemacht oder mit Texten zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Die Veranstaltung startet dann, wie die meisten Philosophieveranstaltungen anfangen, indem man sich gemeinsam das Thema anhand von Texten erarbeitet. In dieser Phase kann man gut einen Rückblick auf Studientechniken einbauen, die die Studierenden hoffentlich aus dem ersten Semester bereits kennen. Vor allem aber lasse ich das Lesen und Diskutieren bereits von einer ersten Schreibaufgabe begleiten. Die Studierenden sollen zu Beginn eine Zusammenfassung der gelesenen Texte schreiben. Die Idee dabei ist, dass sie leicht ins Schreiben kommen und auf diese Weise Schreiben im Laufe des Kurses in unterschiedlichen Funktionen kennenlernen, u.a. als Denkinstrument.
Wenn der Leseteil der Veranstaltung abgeschlossen ist, reichen die Studierenden ihre Zusammenfassungen ein und es beginnt der zweite, längere Schreibteil der Veranstaltung. Dieser Teil setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen: Die Studierenden bekommen verschiedene Schreibaufgaben, die letztlich zusammen eine Hausarbeit ergeben. Die Aufgaben werden in den gemeinsamen Sitzungen vorbereitet, indem wir z.B. darüber sprechen, was philosophische Texte besser und schlechter macht. Sie werden auch in den gemeinsamen Sitzungen nachbereitet, indem die Studierenden sich gegenseitig Feedback auf ihre Texte geben. Zusätzlich bekommen sie ein individuelles Feedback von mir, schriftlich und in mehreren – in der Regel drei – Einzelbesprechungen auch mündlich. Die Abfolge dieser Aufgaben ist bei mir:
- (1) die schon genannte Zusammenfassung,
- (2) eine Kritik an einer der gelesenen Positionen – ein informeller Text, der dazu dient, ins argumentative Schreiben zu kommen,
- (3) ein Exposé,
- (4) ein erster Teil einer Hausarbeit,
- (5) ein zweiter Teil einer Hausarbeit, nach Absprache ist das eine Überarbeitung von dem Text aus (4) plus etwas mehr neuer Text oder einfach mehr neuer Text, und schließlich
- (6) die gesamte Hausarbeit, die kurz sein kann. In der Modulbeschreibung werden nur 2000 Wörter Umfang gefordert.
Zusätzlich gibt es noch kleinere Schreibübungen, die in den gemeinsamen Sitzungen durchgeführt werden, sowie Input und Austausch zu Themen wie Literaturrecherche, Umgang mit generativer KI u.ä.
Worum geht es bei dieser Veranstaltung?
Ganz platt geht es darum, dass die Studierenden lernen, eine Hausarbeit in Philosophie zu schreiben. Das heißt, dass sie am Ende des Semesters einen argumentativen Text schreiben können, in dem sie eine Frage klar beantworten, Positionen anderer korrekt und verständlich rekonstruieren und sich mit diesen unter Zuhilfenahme von geeigneter Literatur kritisch auseinandersetzen.
Nicht ganz so platt geht es auch darum, den Schreibprozess kennen zu lernen und einzuüben. Dazu gehört es, konstruktive Kritik an den Texten anderer zu üben und Kritik an den eigenen Texten aufzunehmen und einzuarbeiten. Studierende erlernen damit erste Formen des Peer-Feedbacks, die für wissenschaftliches Arbeiten zentral sind. In diesem Prozess erleben sie sich auch als Personen, die schon Dinge können, nicht nur als Personen, die noch viel lernen müssen.
Dahinter steckt die Idee, dass es beim Schreiben nicht nur darum geht, einen Text zu schreiben, der möglichst wissenschaftlich klingt. Vielmehr geht es auch darum, die eigene Stimme zu finden. Dafür kann es hilfreich sein zu erleben, dass man etwas zu sagen hat, mitreden kann. Dann kann man nicht nur herausfinden, was man sagen möchte, sondern auch, wie man es sagen möchte und wie das Wie und das Was zusammenhängen.
Deshalb sind diese Kurse der Kern des Projekts „Handwerk Philosophie“. Der Grundgedanke dieses Projekts ist, dass (akademische) Philosophie ein Handwerk ist, das man lernen kann. Das heißt nicht, dass es jede*r lernen kann, weil man manche Fähigkeiten schon mitbringen muss. Aber wenn man diese Fähigkeiten mitbringt, dann kann man sehr viel philosophisches Tun lernen und das Studium soll dazu die Gelegenheit bieten. Ganz oft geht es dabei darum, Dinge explizit zu machen, die Lehrende implizit wissen und können, weil sie philosophisch tätig sind, die man aber Studierenden, die neu sind im philosophischen Handwerk, erst erklären muss.
Wie sieht der formale Rahmen aus?
Es handelt sich um Veranstaltungen, die teilnehmendenbeschränkt sind. Maximal 25 Studierenden schreiben in diesen Veranstaltungen die erste Hausarbeit im Philosophiestudium. Die Veranstaltung ist eine Pflichtveranstaltung für alle, die in Bielefeld Philosophie mindestens im Umfang eines Nebenfachs studieren. Planmäßig sollen Studierende sie im zweiten Semester absolvieren, wenn sie also schon ein bisschen Erfahrung mit Philosophie gewonnen, aber noch nicht begonnen haben, längere Texte zu schreiben. Da die Veranstaltungen einen Kern philosophischen Arbeitens vermitteln und auch für Lehrende aufwendiger sind als die meisten Lehrveranstaltungen, sind die Lehrenden mindestens Postdocs. Ein Schreibkurs wird zudem mit 3 Lehrveranstaltungsstunden auf das Deputat angerechnet.
Klappt das? Oder: Ist es den Aufwand wert?
Der Aufwand für diese Kurse ist hoch, für Lehrende und Studierende. So schreiben zu lernen und zu lehren, verlangt allen viel ab, das ganze Semester über. Es braucht dafür eine hohe Disziplin mit sehr klaren und frühzeitigen Absprachen, damit das Programm für alle handhabbar bleibt. Und selbst mit solchen klaren Ankündigungen ist es in aller Regel so, dass nur ca. zwei Drittel der Teilnehmenden am Ende des Kurses auch eine Hausarbeit einreichen. Dafür sind diese Arbeiten in der Regel auch bestanden, viele mit befriedigend und besser.
Es ist schwierig zu erheben, ob diese Kurse tatsächlich etwas bringen – wir haben in Bielefeld ja keinen Vergleich. Deshalb nur einige anekdotische Evidenz: Wenn fachfremde Studierende in Philosophie eine Hausarbeit schreiben, ist diese oft vergleichsweise schlecht – weshalb fachfremden Studierenden in aller Regel eine mündliche Prüfung empfohlen wird. Kolleg*innen, die neu an die Abteilung kommen mit Lehrerfahrung von anderen Universitäten, sind oft positiv überrascht von der Qualität der Arbeiten. Viele Studierende schätzen die Kurse sehr.
Trotzdem gibt es natürlich auch Zweifel am Format. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Kurse vor allem denen etwas bringen, die ohnehin gut schreiben können. Diese verbessern sich im Laufe der Kurse oft eindrucksvoll. Aber ein bisschen habe ich bei diesen Studierenden eben auch das Gefühl, dass sie es sowieso gelernt hätten. Dann gibt es die Studierenden, die sich wirklich verbessern, aber auch am Ende des Semesters noch vergleichsweise schlecht schreiben. Und dann gibt es die Studierenden, die ich einfach nicht erreiche. Das sind manchmal die, die ohnehin nur sporadisch an den Kursen teilnehmen, bei denen mein Eindruck ist, dass sie das Ganze nicht besonders ernst nehmen. Aber es gibt auch die, die da sind und schreiben und sich bemühen, aber sich trotzdem nicht wesentlich verbessern. Da ist mien Eindruck dann schon, dass wir viel Aufwand betreiben, der vielleicht am Ende nicht lohnt.
Eine andere Frage besteht darin, wann der richtige Zeitpunkt für diese Art von Kurs ist und ob es sich überhaupt um das richtige Format handelt. Denn in Bielefeld gibt es nach wie vor das Problem aufgeschobener Hausarbeiten. Einige Studierende machen sehr viel Philosophie in Form von Seminaren und Studienleistungen, aber keine Prüfungen. Es ist also offensichtlich nicht so, dass Studierende problemlos die Fertigkeiten aus dem Schreiben-Kurs auf die Erstellung der nächsten Arbeit übertragen können. Wäre es also nicht sinnvoller, ein anderes Format für die Schreibbegleitung zu finden, das auch später im Studium genutzt werden kann, wenn das Schreiben manchmal eine unüberwindlich erscheinende Hürde darstellt?
Eine dritte Herausforderung stellt sich aktuell insbesondere durch die Möglichkeiten des Schreibens mit generativer KI. Schreiben-Kurse funktionieren nur, wenn die Studierenden selbst schreiben. Es geht genau darum, sich dafür Zeit und Ruhe zu nehmen. Da kann natürlich jetzt leicht der Eindruck entstehen, dass das eigentlich überflüssig ist. In jedem Fall ist es eine ziemliche Herausforderung, in einem ohnehin schon vollen Schreiben-Kurs nun auch noch KI als Thema sinnvoll unterzubringen.
Trotzdem glaube ich nach derzeitigem Wissensstand, dass das Format den Aufwand lohnt. Es macht viel Arbeit, aber oft auch viel Spaß, ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Man lernt mehr Studierende anders kennen als in den meisten Lehrveranstaltungen, das ist lehrreich und interessant. Es zwingt einen zudem selbst, sich klar zu werden über das, was man an bestimmten Stellen erwartet und erwarten kann, welche Kriterien man anlegt usw. Und es trägt mit Sicherheit dazu bei, dass Dinge für Studierende explizit werden, die sonst oft implizit bleiben. Insofern handelt es sich um ein Kursformat, bei dem alle Beteiligten viel lernen können.
Zur Person
Almut Kristine von Wedelstaedt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Philosophie der Universität Bielefeld. Dort ist sie zuständig u.a. für Studienorganisation, Studiengangsentwicklung und Geschäftsführung der Abteilung. Philosophisch arbeitet sie im Bereich der Praktischen Philosophie, momentan meist zu Fragen der Sexualphilosophie. Sie ist Mitbegründerin und Redaktionsmitglied bei LehrGut.org.
Veröffentlicht unter der Creative Commons Lizenz CC BY-NC-SA 4.0.
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